Freitag, 5. September 2014

Follow me around 7: Dame ohne Unterleib



"Das ist ja doch nur alles für deinen Block." Männer werden unerwartet dünnhäutig, wenn sich in ihrem Kopf der Gedanke formt, dass man es nicht ganz so ernst mit ihnen meint, wie sie es für angemessen halten. Wie ernst sie es meinen, ist dabei kein echtes Thema. Und wenn sie eigentlich auch ursprünglich nur ein wenig Telefonsex* wollten, können sie erstaunlich kitschig werden in ihrem Anspruch an die "Aufrichtigkeit" der Gefühle des Gegenübers. Sie wollen nur "ein unkompliziertes, unverbindliches Treffen" und "sich erst mal kurz beschnuppern" und fangen dann an zu zicken, wenn sie erfahren, dass frau erstens vor ihnen auch schon einmal einen Mann getroffen hat, und sich zweitens zu diesem Vorgang auch noch öffentlich Gedanken gemacht hat.

Drittens halten sie mich nach der Analyse des "Blocks" leicht mal für eine Männerheldin, bzw. Schlampe. Was ich ja gern  wäre, wenn ich dann bitte auch die nötige Kaltblütigkeit und gefühlsmäßige Kondition mitgeliefert bekäme, um mich im Land der "ausgeprägten Soziosexualität"** (Cosmopolitan) auf lange Sicht einzurichten. Aber es gibt Dinge, die hat frau, oder sie hat sie eben nicht wirklich.Viertens haben sie es nicht gern, dass ein anderer Mann in meiner Casting Show irgendwann offenbar gut weggekommen ist, weil sie das eifersüchtig macht. Außerdem verdächtigen sie einen in diesem Zusammenhang gern des Mitschleppens von emotionalen "Altlasten". Und die zu haben, ist schlimmer, als ein Emma-Abo. Fünftens regt es sie auf, dass einige andere Männer bei der ganzen Sache wiederum eher keine nennenswerte Spur hinterlassen haben, weil sie Angst haben, dass sie sich in dieser Galerie der verpufften Nieten womöglich in naher Zukunft wiederfinden könnten. Sie wollen nicht bewertet werden und am liebsten auch gar kein Foto schicken, aber stattdessen stichprobenartig mal schnell im Café um die Ecke die "gemeinsamen Interessen" abklopfen. Denn gemeinsame Interessen sind offenbar das Wichtigste für eine Liebesbeziehung. Wenn beide das Akkordeon spielen, kann nicht mehr so viel schief gehen...

Manchmal ist es neuerdings offenbar selbst zu viel verlangt, sich an einem Tisch in einem echten Haus zu treffen, um rasch mal persönliche Eckdaten auszutauschen. Ich hatte in den letzten paar Wochen tatsächlich "völlig unkomplizierte" Dates in Autos. Ja. Ganz genauso wie amerikanische Teenager, die gleich von inzestgeplagten Ödnisbewohnern aus dem Vehikel gezerrt und ermordet werden. Nur ohne Fummelei. Wahrscheinlich sollte frau froh sein, wenn sie nicht während der Fahrt mit wehendem Haar auf- und wieder abspringen muss. Dafür wären wir einmal fast in eine Wand gerollt...war wohl was mit der Handbremse.

Nicht so schlimm (revisited)

Ja, natürlich bin ich selbst schuld. Vieles, dem ich mich als jüngere Frau und vor dem Internet Dating niemals ausgesetzt hätte, gehört jetzt einfach dazu. Damals lief es ja auch nicht so rasant. So viele Kontakte, Telefonunterhaltungen und Verabredungen mit potentiellen Lebenspartnern wie in diesen Wochen hatte ich sonst nicht pro Jahr. Man hängt halt schnell drin. Man hängt halt auch schnell an der Strippe und begreift möglicherweise nach nur ein paar Sätzen, dass man sich SO RICHTIG vertan hat. Aber dann ist es schon zu spät, und die Erfahrung im Kopf.

Expertenvorträge über den weiblichen Orgasmus nach nur 60 Sekunden am Apparat. Jäh beendet durch einen Lachanfall meinerseits. Immer mal wieder Komplimente für mein Aussehen in untrennbarer Kombination mit: "Aber du kommst total arrogant rüber." Ich bezeichne das Phänomen mittlerweile  als "vorauseilende Minderwertigkeitskomplexe". Als jemand anfragte, ob ich für ihn Obst mit meinen Füßen zerquetschen würde, wollte ich wissen, ob das ein geschäftliches Angebot sei. Aber die Klasse, für Dienstleistungen dieser Art auch durchaus bezahlen zu wollen, hatte er natürlich nicht. Ein anderer schlug doch tatsächlich vor, die Rechnung zu teilen, wohl wissend, dass sein Anteil der höhere war. Als ich das ablehnte, bezichtigte er mich des Geizes. Noch einer äußerte sich negativ über meine Berufswahl, weil er vermutete, dass ich nicht genug verdiene. Genug wofür wurde nicht mehr erörtert. Und dann natürlich Bemerkungen über meinen Körperumfang... ACHTUNG - es folgt die wohl älteste Form des selbstgerechten, verdeckten Dickenbashings: "So schlimm isses doch gar nicht (mein Dicksein). Und du hast ein superschönes Gesicht." (Bitte hier gedanklich das Thema von "Psycho" einspielen). Oder: "Du bist nicht dick. Du bist weiblich." Hier hätte man natürlich ein großes Fass aufmachen können. Die Fragen, die durch Dumpfheit dieser Art plötzlich im Raum stehen, könnten und werden mich wahrscheinlich bis ans Ende der Zeit beschäftigen. Sind dünne Frauen womöglich gar nicht weiblich? Wenn nicht, was sind sie dann? Kann dick nicht weiblich sein? Wenn nicht, was sind dann dicke Frauen? Wie dick muss Frau sein, um schlicht dick und nicht mehr weiblich zu sein? Ist "weiblich" in Wahrheit ein neuer Euphemismus für "dick"? Ist "weiblich" dann, so wie "mollig", eigentlich auch nicht besonders gut, aber noch immer besser als "dick"? Als ich Theo zum ersten Mal begegnete, bemerkte er ganz erstaunt: "Du hast ja wirklich echtes Fett." Und freute sich sichtlich. "Das ist doch nicht so schlimm," sagte er bei verlaufenem Make-up und Rasierpickelchen in der Bikinizone. Das sind halt die Unterschiede.

Man könnte im oben beschriebenen Zusammenhang ja auch noch auf eine ganz andere Schiene kommen: Was bestimmt und definiert das Geschlecht einer Person? Hier würde ich gern mein Lieblingsdate der letzten Zeit erwähnen: Ein reizender Mensch, der mir die Wagentür öffnete, in Ermangelung einer Decke sein Hemd auf dem Rasen ausbreitete, damit ich mich im Park darauf setzen konnte, mir ganz viel zu trinken kaufte und die Leute, die uns die Sicht auf die Wasserspiele bei Planten un Blomen verstellten, kurzerhand verscheuchte. Er hatte ein freundliches Gesicht und genug Gehirn, bemühte sich sichtlich und ziemlich erfolglos, mir nicht ins Dekolleté zu starren und hätte womöglich ein glatter Hauptgewinn werden können. Wenn da nicht die Kleinigkeit eines chronischen Testosteronmangels wäre, der dazu führt, dass er sich das Hormon täglich über die Haut zuführen muss. Nicht immer ist die Dosis gleich. Wenn sie hoch ist, fliegt er auf mich. Und hört Hardrock im Auto. Zu hohe Dosen erhöhen allerdings das Krebsrisiko, so dass weniger im Alltag besser ist. Aber dann sinkt auch das Interesse an Brüsten. Und das an der dazugehörigen Frau gleich mit. Hat er mir alles ehrlich erzählt. Im ersten Augenblick sagte ich mir "Nobody is perfect." Aber dann kam eine zweite Stimme hinzu, die gellend schrie: "Jetzt mach' aber mal halblang. Ist dein Leben wirklich noch immer nicht kompliziert genug!!?" Ich sag's jetzt, wie es ist: Ich könnte vielleicht  noch mit sexueller Dysfunktion umgehen. Aber es ist das zumindest gelegentliche Leuchten in den Augen des anderen, wenn er mich ansieht, ohne das ich nicht mehr auskommen kann/will.

Puh.

Ich frage mich, wie man es aushält, das Dating Game jahrelang zu spielen. Und ich wundere mich nicht mehr, warum in so vielen US-amerikanischen Komödien die Erleichterung thematisiert wird, endlich mit dem Zirkus der ritualisierten Partnerbeschaffung fertig zu sein. Oder im Gegenzug das Drama, womöglich wieder auf dem Marktplatz aufzuschlagen, nachdem eine Beziehung in die
Binsen gegangen ist.

Und du! Wie nutzlos ist es, sich aneinander vorbei zu grämen, sollte es so sein. Das Geburtstagsgeschenk liegt hier noch immer eingepackt auf dem Tisch und ich kann es und mich auch offiziell anbieten, weil ich ja bekanntlich keine Krone habe, aus der man noch Zacken brechen kann und mich mein Geschwätz von gestern schon lange nicht mehr interessiert. Ich brauche allerdings schon eine Aufforderung bzw. einen symbolischen Hinweis (von mir aus auch im öffentlichen Raum). Am liebsten in Grün. Oder was mit Katzen.

*Ich hasse übrigens Telefonsex. 

Er langweilt mich zu Tode.

In meiner Kapazität als Kussbudeninhaberin (Meine Profilnamen sind TheKissingBooth und ThePhoneBooth) bei LiveJasmin.com habe ich nunmehr auch gelernt, wie es sich anfühlt, wenn die Zeit steht wie das faulige Wasser in einem Tümpel, während man darauf wartet, dass ein Kunde sich endlich erfolgreich einen runterholt, während man seinen bloßen Busen in die Kamera hält. Auf dem Bildschirm hatte sich unten rechts vorher ein weiteres Fenster geöffnet, in dem der Kunde in diesem Fall auf eigenen Wunsch zu sehen war. Also, sein Schwanz war zu sehen. Ein Schwanz aus der Lüneburger Heide, der einfach nicht zum Ende kam.

Eigentlich hätte ich mich darüber nicht ärgern sollen, weil ich schließlich für jede Minute, die ins Land ging, bezahlt wurde. Aber obwohl ich mich auch dieser Erfahrung um des Erkenntnisgewinnes willen freiwillig (wenn auch im Widerspruch zu meiner ursprünglichen Planung - ich hatte eigentlich nur gegen Bezahlung chatten und flirten wollen) ausgesetzt hatte, machte mich der Gedanke daran, wie herabsetzend es wohl erst sein muss, sich und seinen Körper tatsächlich greifbar zur Verfügung zu stellen, um Geld zu verdienen, nichts anderes als wütend und im wahrsten Sinne des Wortes betroffen.

Dabei kann ich nicht einmal sagen, dass meine Kunden an jenem Nachmittag menschlich unangenehm gewesen wären. Insbesondere der letzte war ein äußerst freundlicher Amerikaner, der mir elegante Komplimente machte und sich nach seinem Höhepunkt ausgiebig bedankte. Als ich ihm sagte, dass ich das erste Mal vor der Webcam arbeitete, versicherte er mir: "You're gonna do very well."***

"Steh' mal auf und dreh dich!"; "Zeig mal deine Unterhose!"; "Kannst du dir Wasser über das Hemd schütten?"; "Kannst du dir an die Pussy fassen, und den Finger nah an die Kamera halten?"; "Kannst du an deinen Nippeln lecken?"... Wohlgemerkt - all diese Bestellungen sind harmlos gegen das, was von einem Camgirl in einer normalen Hardcore-Kategorie verlangt wird. Ich weiß ehrlich nicht, wie man das aushält. Darum habe ich in einem früheren Post auch von "Knochenarbeit" gesprochen. Das ist das, was Sexarbeit ist. Ich persönlich kann mir schlicht nicht vorstellen, wie man es schafft, sich so weit von der persönlichen, sexuellen Integrität abzuspalten, dass man in der Lage ist, die Grenzen so weit nach innen zu verschieben und sich von Fremden regelmäßig so nah auf die Pelle und die Seele rücken zu lassen. Das hat nichts mit Prüderie zu tun. Das ist eine Frage von Selbstfürsorge. Und wahrscheinlich bin ich doch eine alte Romantikerin.

Verdient habe ich bei meinem Experiment übrigens ca. 15 Dollar pro Stunde.


NH


** Scheinbar nur ein anderer Begriff für "Promiskuität".
***"Du wirst sehr erfolgreich sein."

Sonntag, 17. August 2014

Follow me around 6: Heul-doch-Haul



Mir ist eiskalt.

Darum all die neuen, kuscheligen Schals. Ich habe das drängende Bedürfnis, mich vor weiterer seelischer Auskühlung zu bewahren. Und mir fiel zunächst nichts Besseres ein, als einfache Symbolik in Form von wärmendem Stoff. Zwischendurch hätte man trauernde Wetterfühligkeit nicht vermutet. Rage vielleicht schon. Ich habe heute im Regen mit wildem Eifer meine Büsche beschnitten (ich habe noch die Blätter im BH, um es zu beweisen) und mich dann klitschnass und barfuß mit dem Computer an eine zugige Stelle gesetzt, so als wollte ich unbedingt krank werden. Tatsächlich dachte ich auch bei mir, was sonst immer Eltern sagen: "Du holst dir den Tod." Dann wurde mir klar, dass es sich nicht lohnt, krank zu werden, wenn da ohnehin keiner kommt und Suppe macht. Also, symbolische Suppe.

Ich gebe es zu: Ich will jemanden, der mir warme Suppe bringt. Der sagt, das ist doch alles nicht schlimm. Der sagt, lass mich das mal machen. Der sagt, das ist doch kein Problem. Und der recht hat. Und dann ist auch auf einmal alles gar kein Problem.

Wenn ich es jedoch ganz genau bedenke, hätte ich, lieber noch als Suppe, gern ein Feuer. Ja, das ist es: Ich will jemanden, der ein Feuer für mich macht, und mir Geflügelwürstchen und Auberginenscheiben auf den Grill wirft! Ich will jemanden, der sich sorgt und mich füttert. Mit Neuigkeiten, Erkenntnissen, Freude und Anwesenheit.

Das klingt nicht sehr emanzipiert. Ist es vermutlich auch nicht. Das Bemerkenswerte ist jedoch, dass einen als Frau ohnehin weder ausgeprägte Selbständigkeit noch eingestandene Bedürftigkeit für Männer besonders interessant zu machen scheinen. Es ist mitunter wohl eher doch angepasste Verfügbarkeit, die einen da so richtig nach vorn bringt. Aber weil ich dann eben doch so eine fürchterliche Zicke und Kampfemanze bin, hat natürlich genau die - im Gegensatz zu meiner Bedürftigkeit - ziemlich klar umrissene Grenzen.

Die Schals sind aber auch gut für Fatshion-Gehversuche. Das ist mir bei meiner letzten Bemühung , mich sichtbarer anzuziehen, klar geworden. Ein körperbetontes Kleid trägt sich für mich leichter, wenn ich einen Schal dabei habe. Nicht einmal um den Hals. Sondern einfach in der Hand oder gar in der Tasche.Wenn es ganz schlimm kommt, habe ich eine Schutzhülle dabei. Die Vorstellung hilft mir.

Samstagnacht LIVE

Ich brauche bekanntlich all die Hilfe, die ich kriegen kann. Und jetzt erst recht. Denn ich habe beschlossen, dass ich so bald an keinem Samstagabend mehr allein zu Hause hocken werde. Oder auf der Terrasse meiner bald achtzigjährigen Nachbarin. Eine Freundin sagte mir unlängst: "Man kann bei der Suche nach der Liebe halt nichts erzwingen. Entweder es passiert, oder es passiert nicht." Hat man je etwas Deprimierenderes gehört? ; ) Geduld ist nicht wirklich ein Programm auf meinem Rechner. Akzeptanz noch viel weniger. War es noch nie. Und nun erst recht nicht mehr, denn man wird bekanntlich nicht jünger. Und zumindest meiner Erfahrung nach gibt es in der Tat nichts Gutes, außer man tut es. Klar kann man was tun, und trotzdem oder gerade deshalb in der Hölle landen. Aber wie wahrscheinlich ist das? Ich rede ja immerhin auch nicht von "einfach machen". Ich rede von "machen und denken".

...Und weißt du eigentlich, was mich auch ärgert? Dass wir den Wein nie aufgemacht haben.

Ich werde ab jetzt samstags konsequent ausgehen. Mit männlicher Begleitung oder ohne. Abgesehen vom Internet werde ich mich auch in der Welt verschärft auffindbar machen. Ich werde buchstäblich barhoppen. Ich werde zu Ausstellungseröffnungen gehen.Vielleicht werde ich doch wieder Mitglied im Fitnessstudio. Vielleicht höre ich ganz auf zu essen und gehe stattdessen mal auf eine Single-Städtereise. Womöglich belege ich am Ende auch noch irgendwelche Wochenend-Yogakurse. Und ich gehe wieder zu Ü100-Partys. Ich werde die Männerjagd zum Projekt machen. Und, wie es so meine Art ist, zum semi-wissenschaftlichen Experiment. Was ich im letzten Jahr so unternommen habe, war nur Anlauf. Und ja, während ich das hier schreibe, steht mir schon vor Anstrengung der Schweiß auf der Stirn.

Ach, und übrigens: TheKissingBooth (Meine Kussbude) in der Kategorie "Heißer Flirt" bei LiveJasmin.com öffnet nächsten Dienstag zwischen 16 und 19 Uhr.

NH

Donnerstag, 14. August 2014

Follow me around 5: Und du so?



Schweigen.

Mal wieder. Und ich hatte geahnt, dass es so sein würde. Aber irgendwann hätte ich die Traurigkeit und die Enttäuschung ohnehin aushalten müssen. Und ich hatte mich entschieden, es hinter mich zu bringen. Trotzdem fühlt(e) es sich an wie Ersticken. Kein Lufthauch. Kein Augenzwinkern. Keine Erlösung. Nur grimmige Zurückweisung und unbezwingbarer, gleichförmiger, bitterer Ernst.

Oh, mein hübsches Ei, es ist mir zerbrochen! Beim Putzen der Schale. Ich hatte seine Haltbarkeit überschätzt, obwohl ich es natürlich mittlerweile hätte besser wissen müssen. Manchmal will man einfach so sehr, dass etwas funktioniert. Man würde auch alles Mögliche tun, wenn man nur wüsste, was. Aber egal, was man dann tut, man gräbt irgendwie nur immer weiter an der Grube, in der man ohnehin schon sitzt. Und man kann es einfach nicht begreifen: WARUM NICHT VERDAMMT, WARUM KLAPPT DAS HIER NICHT?!?

Und als ich dann hineinsah, in das Innere des Eis, war da gar keiner mehr. Nur eines von diesen großen, grauen, altmodischen Tonbandgeräten. Das Band war abgelaufen, und bei jeder Umdrehung klackte das schleifende Ende. Leise.

Crazy Cat Lady

Und nun? Sucht die dicke Dame weiter nach der Liebe. Was sonst? Obwohl das für mich selbst im Augenblick ein etwas nebliger und anstrengender Gedanke ist. Aber es ist gut für das Blog. Denn dann gehen mir die haarsträubenden Geschichten vermutlich so bald nicht aus. Es sei denn, ich sollte womöglich doch mal Glück auf dem Gebiet haben. Ich rechne jedoch nicht mit Wundern. Fürs Erste habe ich einen neuen Profilnamen bei Finya.de: CrazyCatLady. Der Popkultur-Archetyp der wunderlichen  Frau ohne Anhang - damit kann ich mich selbstverständlich erstklassig identifizieren. ; )

Wie ich bereits des Öfteren berichtet habe: Sex ist im Internet leicht zu kriegen. Auch und vor allem für dicke Frauen. Liebe ist natürlich nicht leicht zu finden. Aber sie ist schon etwas Großartiges. Ich habe eine junge Freundin, die einen sehr anstrengenden Job aber gleichzeitig äußerst ambitionierte finanzielle Ziele hat. Sie baut unter ziemlichen persönlichen Einschränkungen und sehr diszipliniert an der Zukunft mit ihrem Lebensgefährten. Liebe trägt - und zusammen ist man offenbar erstaunlich stark, vorausgesetzt natürlich, dass man auch wirklich zusammengehört.

Live und in Farbe

Ihr Beruf ist Camgirl. Knochenarbeit, wenn man mich fragt. Als ich allerdings hörte, wie viel sie damit verdient, sah ich mich im Internet ein wenig um. Und dann habe ich mir Gedanken über die verschiedenen Ebenen gemacht, die hier tatsächlich zu betrachten / zu erfahren wären. Mich interessiert ja immer die Kommunikationsdynamik. Dann sind da Macht- und Geschlechteraspekte. Wer hat da die Macht? Zahlende Männer oder bezahlte Frauen? Wie viel Respekt bringen die Kunden mit? Dann geht es, klar, um Sexualität und wo / wie sie sich darstellt. Wie prägt die Tatsache der Bezahlung die Begegnung? Was, wenn die Kundschaft so richtig nett ist? Was, wenn sie ein Kotzbrocken ist?

Und wenn ich ganz ehrlich bin: Als ich vor ein paar Tagen mit meiner Freundin und einer ihrer Kolleginnen über die Reeperbahn geschlendert bin, kam ich mir neben den beiden hochsichtbaren, hochsexuellen, superschlanken, halb so alten Frauen mal wieder vor, wie ein altes, krümeliges Stück Toast. Ein fades, frisch vereinsamtes und leicht tragisches Es. Auch hier kommt das Experimentieren vor einer öffentlichen Kamera ins Spiel und zwar im Hinblick auf Selbstakzeptanz. Wenn mich in einer Bar schon keiner anspricht, und auf der Straße keiner guckt, würde trotzdem jemand dafür bezahlen, mit mir zu flirten? Dass jemand Geld dafür bezahlen würde, meinen Körper live anzusehen, da bin ich mir mittlerweile ziemlich sicher. Wenn er auf Fett steht - natürlich! Sei es drum.

Ich habe mich dann ohnehin gegen den Teil mit dem Strippen entschieden. Man muss halt seine Grenzen kennen. Aber flirten / reden kann man jetzt mit mir. Für Geld. Gut, vermutlich nur ein paar Male. Auf jeden Fall verfüge ich nunmehr über ein Konto bei LiveJasmin.com. In wahrer Performancekunst-Manier habe ich mich für diesen Profilnamen entschieden: TheKissingBooth. Und ich werde dann auch noch Öffnungszeiten für meine Kussbude festlegen. (Kann ich ruhig erzählen. Traut sich vermutlich eh' keiner, den ich kenne, womöglich mal vorbeizukommen. ; )) Darüber hinaus habe ich inzwischen bereits Visionen davon, Männern in Hamburgs Innenstadt vor einer Kamera für Küsse Geld zu bieten. Das wäre dann wahrscheinlich der Tag, nach dem ich mich fortan ALLES traue.

Bei LiveJasmin.com gibt es neben den regulären Strip-Angeboten die Kategorien "Flirt" und die noch züchtigere "Freundschaft". Wer in diesen arbeitet, darf sich vor der Kamera nicht ausziehen. Ich dachte mir, das dürfte für den von mir angestrebten Erkenntnisgewinn ausreichen. Außerdem haben Besucher die Möglichkeit, die Camgirls live zu sehen und über das Chat-Fenster anzusprechen, bevor sie sich für einen kostenpflichtigen Privatchat entscheiden. Ein wenig wie die Schaufenster in der Herbertstraße. Mein erster potentieller Kunde meldete sich und sendete über den Gratis-Chat ein Herzchen, als ich gerade mit nacktem Gesicht, wüstem Haar und im alten Schlafanzug aus Versehen online war, weil ich eigentlich  nur mal die Funktionen ausprobieren wollte. Ich klickte panisch auf "Exit". Blöd irgendwie. Das hätte immerhin mein erster Verdienst als ein Teil der Erotik-Industrie sein können. Und das ganz ohne Erotik.

Mit der Arbeit als Stripperin vor der Kamera verhält es sich aus meiner Sicht übrigens wie mit allen Dienstleistungen, die von Frauen im Sexgeschäft mehr oder weniger direkt am Kunden erbracht werden. Ich finde, Frauen sollten gefälligst auch das GANZE GELD kriegen, das sie bei solchen Tätigkeiten erarbeiten. Als ich meine Freundin am Abend an ihrem Arbeitsplatz absetzte, lernte ich ihren Agenten kennen...Wäre sie meine Tochter, was sie, wie gesagt, durchaus sein könnte, ich hätte sie unter keinen Umständen dort bleiben lassen.

Wenn meine Mutter hier und da mal nachfragte, was ich denn mit einem Philosophiestudium zu guter Letzt beruflich machen werde, antwortete ich ihr immer, Pornostar oder Auftragsmörderin. Woraufhin sie ihre Augen rollte und seufzte. Aber das Abbilden des eigenen Körpers in Bewegung und bestimmten Situationen ist heute sozusagen Teil meines Selbstakzeptanzprogrammes. Und gut Ding will Weile haben, aber irgendwo in der Weite des Internets ist es nun soweit...was für ein Glück, dass ich nicht daran glaube, dass sie von einer Wolke auf mich herab sieht. Ich bekäme kein Auge mehr zu. ; )

NH