Sonntag, 29. März 2015

Küchenpsychologie

Die Strategie, die Küche (fast) gar nicht mehr zum Kochen zu nutzen, funktioniert. Seit ich mein Essen in den meisten Fällen nur noch auspacke und auf einen Teller lege, bleibt die Küche chaosfrei. Alles, was dreckig wird, kommt sofort in die Spülmaschine. Das ist die Regel - die Arbeitsoberfläche muss immer gleich freigeräumt werden, und im Spülbecken darf nichts über Nacht liegen bleiben.

Das klappt jetzt sogar mit den Katzentellern. Corbi hat sich plötzlich geweigert, von Papiertellern zu fressen, aber ich komme klar. Auch im Kopf und in der Seele wird es klarer, ohne die Kämpfe mit der Küche und bei der Nahrungszubereitung im Nacken. Ich esse Salat. Und Obst. Und Cracker. Und Dosensuppen.

Durch die Vorgabe, dass nicht wirklich gekocht werden kann, fallen außerdem viele mögliche Einkaufsüberlegungen und -entscheidungen  automatisch weg. Und man spart enorm viel Zeit. So viel Zeit, dass ich meine gebeutelte Küche nach langer Zeit mal wieder auf Hochglanz poliert habe. Was hat mich eigentlich geritten, als ich mir vor ca. 4 Jahren eine Küche in tannengrünem Lack kaufte? Ich fand sie schön. So einfach war das. Und hatte ich hatte schlicht keine Ahnung, dass ich mich mit ihrem Erhalt aus so verrückten Gründen so schwer tun würde. Aber jetzt spiegelt sich der Garten wieder in den Schranktüren.

Die Küche nach dem letzten großen Aufräumen am 15. März.
Die Küche am 21. März. Hier ist keine Aufräumaktion mehr vorangegangen.
Die Küche am 27. März.

NH

Samstag, 21. März 2015

So ziemlich



"Du bist ziemlich dick. Darf Dein Partner denn auch ziemlich dick sein ? Oder betreibst Du hier eine Art von Doppelmoral ?"(Nachricht an mich, erhalten bei finya.de am 20.03. um 18.05 Uhr von einem Mitglied mit dem Profilnamen "Firstforward", nach eigenen Angaben 44 Jahre alt, Profil ohne Foto - die liebe ich ja ohnehin immer ganz besonders.)


Man könnte weinen. Wenn es nicht so komisch wäre. Und ja - es wird wirklich höchste Zeit, Worten auch Taten folgen zu lassen und endlich alle meine Profile auf Dating-Plattformen platt zu machen, bevor sie mich doch noch schaffen.  
Natürlich habe ich Fuckfucker oderwieauchimmer nicht direkt geantwortet, sondern habe ihn nur geblockt. Aber ich werde seine Frage beantworten. Hier. Weil ich mir ziemlich sicher bin, dass sie vielen auf den ersten Blick gar nicht so abwegig und anmaßend vorkommt, wie sie tatsächlich ist. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass viele Leute unbedarfterweise sagen würden, dass man "sowas" doch durchaus auch mal fragen dürfen muss.
Also:
Erstens: Dicke haben selbstverständlich keinerlei Verpflichtung, andere Dicke attraktiv zu finden. Schon gar nicht als potentielle Partner. So wie für jemanden mit blauen Augen oder langen Haaren oder großen Füßen ganz sicher keine Obligation besteht, sich zu Partnern mit blauen Augen, langen Haare oder großen Füßen hingezogen zu fühlen. Im Hinblick auf Vorlieben bei der Partnerwahl Moral ins Spiel zu bringen (so es sich nicht um Pädophilie handelt), passiert meiner Erfahrung nach nur Menschen, die noch viel, viel, viel verbitterter sind als ich. Wir alle sind jedoch sehr wohl dazu verpflichtet, andere nicht auf der Basis körperlicher Eigenschaften herabzusetzen, zu diskriminieren und ihrer Würde zu berauben.
Zweitens bin ich tatsächlich nicht dumm genug, um nicht ziemlich genau zu verstehen, was der unsympathische Steller der vorangestellten Frage tatsächlich gemeint hat: Der Frager findet schlicht, dass Dicke hässlich sind. Um sich überhaupt mit ihnen abzugeben, muss man in seinem Universum schon ganz gehörig Toleranz und Milde mitbringen, um dann erfüllt von Edelmut über die ekelerregende Hülle hinwegzusehen und sich womöglich für innere Werte zu interessieren. Und wenn Dicke einen solch enormen Kraftakt von anderen verlangen, werden sie ja wohl bereit sein, diesen ebenfalls auf sich zu nehmen. Was da außerdem ganz deutlich mitschwingt ist dieses: Wer hässlich ist, kann nicht einfach ankommen und womöglich mehr verlangen, als ihm zusteht. Denn es steht Hässlichen nun einmal nicht viel zu. Am besten bleiben sie also ohnehin gleich unter sich.
Tja. Was soll man dazu sagen? Zunächst siehe natürlich „Erstens“. Und dann erlaube ich mir, hier auf einen offensichtlichen und zutiefst egozentrischen, aber natürlich oft gemachten Denkfehler hinzuweisen: Denn das, was ich selbst hässlich finde, muss noch lange nicht für den Rest der Welt auch hässlich sein…Aber natürlich war ich all meinen Fettliebhabern immer ausgesprochen dankbar, dass sie sich so großzügig überwunden haben, mir ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken, obwohl sie selbst so gar nicht dick und hässlich waren. ; ) Allerdings ist es ja auch längst kein Geheimnis mehr, dass ich dieser Tage sehr viel mehr Probleme habe, meine inneren Werte dauerhaft an den Mann zu bringen, als meine äußeren.
Damit drittens keiner auf die verwirrte, nörgelnde Idee kommt, ich würde mich vor einer persönlichen Antwort drücken: Klar könnte mein Partner dick sein. Er könnte aber auch muskulös oder dünn sein. Denn ich gucke zuerst in Gesichter und Augen. Und dann auf Hände. Dann kommt die Stimme. Der Geruch. Und dann das Gehirn. Wenn ich all das wirklich will, will ich vermutlich auch den Rest. Denn das ist dann ohnehin schon ein Lottogewinn.
Und viertens habe ich das dringende Bedürfnis, vorzuschlagen, dass Idioten endlich unter sich bleiben sollten. Zu ihrem eigenen Besten. Denn dann müssen sie auch unter dem Rest von uns nicht immer so schrecklich leiden.

NH

Follow me around 20: A day in the life...

...ist ja auch so eine beliebte Vlogging-Kategorie. Aber die meisten meiner Tage eignen sich wahrhaftig nicht für pastellige Selbstdarstellung in bewegten Bildern. Und wer würde schon ernsthaft meine alltägliche, kleinlich-säuerliche Wirklichkeit betrachten wollen? Vorsicht: Nichts für schwache Nerven. ; ) 

Um es noch einmal deutlich mit den Worten von Jack Nicholson in "A Few Good Men" zu sagen: "You can't handle the truth!"


Dienstag:

8:30 Bürste bleibt im Haar hängen, fliegt mir aus der Hand und durchs Badezimmer.

9:00 Kundin ist krank und nicht da. Ich stehe bei ihr vor der Tür. Offenbar hat sie früh am Morgen eine Nachricht auf meinem AB hinterlassen, die ich aber nicht abgehört habe.

9:20 Zurück zu Hause. Sehr gesprächiger Nachbar fängt mich auf der Auffahrt ab und berichtet über den Stand seiner Zahnfleischprobleme.

10:42 Tasche auf dem Beifahrersitz fällt in scharfer Kurve seitlich um.

10:53 Stau vorm Hauptbahnhof. Habe Telefonnummer von Kunden nicht dabei. Muss Mail schreiben, dass ich mich verspäte.

11:05 Muss jetzt dringend aufs Klo. Noch immer im Stau.

11:11 Krampf im linken Fuß.

11:35 Beim Kunden. Mir fehlt Material, das vermutlich aus der Tasche gefallen sein muss.

12:40 Beifahrersitz hakt, lässt sich nicht nach hinten schieben. Aber die verlorenen Unterlagen liegen darunter.

12:42 Rüchwärtsgang hakt auch.

12.50 Essen im Auto. Sandwich-Soße am Jackenärmel.

12.51 Stelle fest, dass ich einen Anruf verpasst habe. Private Nummer. Nun kann ich mich für immer fragen, wer das wohl war.

13:21 Bauchschmerzen. Ziemlich stark sogar.

16:50 Bleibe bei Gang durch fremdes Gartentor am Riegel hängen. Loch in T-shirt.

18:15 Im Auto. SMS, dass ich meine Schreibmappe habe liegen lassen. Drehe um, fahre 20 Minuten zurück, um sie abzuholen.

20:37 Keine Blaubeeren bei Penny.

23:07 Klingeln im Ohr.


Donnerstag:

8:31 Kater reißt aus Übermut erst Loch in Schlafanzughose und dann in meine Wade.

8:36 Beim Aufreißen einer Tüte mit Katzenfutter spritzt mir die Soße ins Gesicht und auch sonst überall hin.

18:55 Ankunft in der "Galerie der Gegenwart" in Hamburg.

18:58 Bekomme mit meinem Ticket, für das ich 12 Euro bezahle (obwohl die Deutsche Bank die Ausstellung sponsort), einen orangefarbenen Aufkleber überreicht, den ich sichtbar auf mir anbringen soll.

18:59 Gerate mit übereifriger Kartenabreißerin in einen Streit, als sie mich "beraten" will, wo ich den Aufkleber am besten platziere. Sie ist beleidigt, weil ich ihren Rat nicht will. Und weil sie natürlich nicht begreift, dass ich orangefarbene Markierungen (aus vielerlei Gründen) an den Revers von Leuten echt daneben finde.

19:03 Kann das Klo nicht finden. Weil es im Treppenhaus kein Schild gibt.

19:09 Kein Abfallbehälter in der Kabine. Muss Müll in der Hand mit in den Vorraum tragen.

19:34 Einige deutsche Übersetzungen der englischen Titel sind mir aufgefallen. Sie sind nicht sehr gut/genau, bzw. im Prinzip falsch und verändern damit regelrecht die Bedeutung und/oder Auslegungsmöglichkeiten der betreffenden Kunstwerke.

ORLAN: "LE BAISER DE L'ARTISTE", 1977
Renate Bertlmann

19:44 Erstaunlich, dass eine Ausstellung der "Feministischen Avantgarde der 1970er Jahre" in der Hauptsache voll ist mit Darstellungen nackter Frauenkörper. Und mit Körpern, die durch ihre Besitzerinnen manipuliert und dargestellt werden (Selbstportraits). Körper, die selbst vor feministischem Hintergrund zumindest zum Teil noch immer zu posieren scheinen und irgendwie gefallen wollen (siehe besonders Hannah Wilke). Die hier dargestellte Anklage der damals und heute ja auch noch herrschenden Machtverhältnisse ist zahm. Die Wut ist eher ambivalent und mitunter, scheint sie sogar nach innen gerichtet. Stille Verwirrung bei der Bestimmung und Annäherung an die eigene Identität, Sexualität und Körperlichkeit, ein nicht enden wollendes, aus heutiger Sicht naiv anmutendes Abarbeiten von stereotypen Frauenrollen und Schönheitsstandards, sowie die Gefangenheit in eben jenen, bestimmen die Ausstellung. Die Werke sind, in Übereinstimmung mit fehlender Drastik, zumeist eher kleinformatig und schwarz-weiß. Eine radikalere Ausnahme ist Renate Bertlmann mit ihrer "Schwangeren Braut im Rollstuhl". Persönlich suche ich während meines Rundganges nach irgendeiner inneren Verbindung. Schließlich arbeite ich auch mit Selbstportraits, um mich selbst besser zu erkennen, und um mich in einer Situation der Rebellion zu stärken. Aber (fast) die ganze Zeit denke ich nur: Mehr Lärm! Mehr Farbe! Dann würde das alles vielleicht nicht so verdammt lange dauern! Mit der Freiheit. Man kann nicht rebellieren und kritisieren - und gleichzeitig nicht unangenehm auffallen. Und ja, wie am Meinungsbrett richtig bemerkt: Obendrein sind hier augenscheinlich nur weiße Künstlerinnen vertreten.

19:45 Am schwarzen Brett, an dem man auf roten Zetteln seine Meinung zur Ausstellung mitteilen soll, gibt es keine Stifte mehr in den Haltern. Kunstbewachungsdamen laufen hin und her und am Brett vorbei. Bleiben sogar davor stehen. Merken aber nichts.

20:02 Es gibt im Museumsshop so gut wie keine Postkartenmotive aus der Ausstellung. Nur den Katalog für 40 Euro. Den kaufe ich diesmal nicht.


 20:08 Kartenabreißerin grüßt nicht zum Abschied, wirft mir aber hämisch-giftigen Blick zu.

20:20 Gehe durch die Bahnhofshalle auf dem Weg zum Auto. Offenbar komplett zugedröhnter, gefährlich schwankender Herr taucht neben mir auf und schickt sich an, einen Schluck aus dem Strohhalm zu nehmen, der aus meinem Smoothie ragt.

20:25 Kaufe neuen Smoothie.

20:29 Gehirnfrost.

20:49 Im Auto. Sehe die Leuchtreklame für den Dom am Horner Kreisel. Ist wieder keiner da, der mit mir in der Geisterbahn knutscht...

NH

Samstag, 14. März 2015

Follow me around 19: Defizite

Im Deckel einer Snapple Lemonade...

Gestern ging ich um sieben Uhr abends ins Bett, um mich "kurz mal hinzulegen". Ich wachte acht Stunden später auf, wankte etwas desorientiert aufs Klo, fütterte den Kater und nahm eine Tablette gegen die Kopfschmerzen, die ich bekommen hatte. Die kriege ich übrigens leicht, wenn ich länger schlafe als gewöhnlich. Ich ging wieder ins Bett, um ein paar Minuten abzuwarten, bis die Tablette wirken würde und wachte wiederum sechs Stunden später auf. Ich nahm noch eine Tablette und ließ den ungehaltenen Kater endlich in den Garten.

Und dann begann das Wochenende. Ich werde es wieder allein zu Hause verbringen. Es ist nicht so, dass ich mich am Schreibtisch langweilen würde - da ist genug zu erledigen. Ich langweile mich ohnehin nie. Ich würde nur bekanntlich sehr viel lieber nicht allein hier sitzen.

Aber keiner will was. Und was ich will, ist außer Reichweite. Darüber hinaus fehlen mir Nerven und ganz ehrlich auch tatsächlich abermals Mut und Selbstbewusstsein, mich als dicke Frau vielleicht doch allein ins Getümmel einer Single-Veranstaltung in Hamburg zu werfen, oder mich, wie ja schon lange geplant, in Experimentierlaune in eine Bar zu setzen.

Dass gar keiner etwas mit mir unternehmen wollte, stimmt auch nicht ganz: Einer der Männer aus meinem "kleinen, schwarzen Buch" hatte angefragt, ob ich mit nach Recklinghausen komme, zu einer Ü100-Party. Aber die Vorstellung, 6 Stunden im Auto zu verbringen, und Geld für ein Hotelzimmer zu investieren, nur um wieder in den Genuss der Gesellschaft der vermutlich gleichen dicken Clique von Insidern zu kommen, mit der ich schon einmal nur wenig Freude hatte, schien einfach kein sehr attraktiver Plan.



Men don't protect you anymore. 
                                                  (Jenny Holzer)

Ja, es stockt, wenn es um mein dickes Selbstbewusstsein geht. Und jetzt, wo ich nach und nach meine letzten Profile auf den Online-Dating-Portalen im Internet lösche, weil die bezahlten Mitgliedschaften nun auch ausgelaufen sind, wird mir im Rückblick immer klarer, dass und warum der zweijährige Ausflug ins Online-Dating nicht nur einerseits sehr hilfreich war, was meine dicke Selbstakzeptanz betrifft, sondern andererseits auch mit einer allgemeinen, menschlichen und auch anhaltenden Enttäuschung einhergeht, die für mein Selbstbewusstsein gar nicht so günstig ist. Eine Enttäuschung, die aus der Erfahrung resultiert, es dem Gegenüber immer und immer wieder nicht wert gewesen zu sein, auch nur die grundlegendsten sozialen Gesten anzuwenden und/oder zu erwidern.

Fast könnte man glauben, die einfachsten Rituale im gesellschaftlichen Miteinander werden schlicht nur noch von einer Minderheit beherrscht. Vielleicht ist es so. Vielleicht handelt es sich hier wieder einmal um eine Entwicklung, die ich verpasst habe und ein Phänomen, das man nicht persönlich nehmen sollte. Aber ich kann mir nicht helfen. Es fühlt(e) sich einfach ziemlich persönlich an, wenn man es offenbar nicht wert war, dass einer am Tag nach einer Verabredung mal eine Nachricht schickt. Man war es nicht wert, ein Treffen rechtzeitig und nicht erst ein paar Stunden vorher abzusagen. Man war es nicht wert, Glückwünsche zum Geburtstag zu bekommen, obwohl der andere wusste, dass man gerade Geburtstag hatte und man heutzutage ja eigentlich sogar jedem seiner XING-Kontakte gratuliert. Man war es nicht wert, eine Nachricht zu Weihnachten oder zum Jahreswechsel zu schicken, obwohl man sich in dieser Zeit des Jahres gerade kennengelernt hatte. Man war es nicht wert, einfach mal so zwischendurch und aus purer Sympathie angerufen zu werden.

Ich war es nicht wert, einen Schirm aufzuspannen und sich trotz Regens in die Innenstadt von Hamburg zu begeben, um mich zu treffen. Ich war es nicht wert, überhaupt rechtzeitig aufzustehen, um zu einer Verabredung mit mir kommen. Ich war es nicht wert, von zu Hause abgeholt zu werden. Ich war es erst recht nicht wert, eine Blume oder eine Flasche Wein zum Treffen bei mir zu Hause mitzubringen. In zwei Jahren und nach mittlerweile Dutzenden von Dates/Kontakten habe ich nur einmal Blumen bekommen. Ich war damals so außer mir vor Freude und Erstaunen, dass ich sie auch gleich fotografiert habe:

Ich war es nicht wert, dass mir die Tür aufgehalten wird. Ich war es nicht wert, dass man mich zum Kaffee oder gar zum Essen einlädt (wo denke ich auch hin?!). Ich war es nicht wert, dass man während des Telefonats mit mir den Fernseher ausschaltet. Ich war es nicht wert, sich für ein Treffen mehr als eine Stunde Zeit zu nehmen. Ich war es nicht wert, dass man mich im Dunkeln zum Wagen begleitet.

Klar, fragt ruhig, ob ich denn selbst frohe Weihnachten und gute Besserung wünsche, Verabredungen einhalte, kleine Geschenke mache, jemanden im Auto abhole und kurze Nachrichten sende. JA, VERDAMMT - das tue ich. Ich habe auch schon beide Tassen Kaffee bezahlt...und meiner Begleitung wäre es im Leben nicht eingefallen zu protestieren. Mit diesem Effekt weiblicher Emanzipation haben Männer meiner Erfahrung nach ganz und gar kein Problem. Was Männer dazu bringt, in bestimmten Situationen nicht einmal mehr ein Minimum an verbindlichem Wohlwollen oder Fürsorge zu demonstrieren, obwohl sie sich in Kontakt mit einer Frau befinden, die sie eigentlich ganz interessant finden (denn sonst stünden sie ja vermutlich nicht mit ihr in Kontakt) bleibt mir ein Rätsel. Ebenso rätselhaft ist oft ihr Erstaunen oder ihre schiere Empörung, wenn man ihnen dann mitteilt, dass sie einem durch ihr "überentspanntes" Verhalten das Gefühl geben, dass sie eigentlich kaum Wert auf eine weitere Verbindung legen und dass man im Gegenzug nun auch die Lust verloren hat, sich noch länger mit ihnen zu befassen.

Wie dem auch sei, so vielen männlichen Menschen nicht einmal so wenig wert gewesen zu sein, hat meinem Selbst-WERT keinen Schwung gegeben, sondern hinterlässt nun doch eher einen bitteren Nachgeschmack. Das merke und schmecke ich jetzt. Aber das ist halt noch immer die blödeste Seite des Online-Datings: Man kann sehr schnell sehr viel über viele Männer lernen und dabei gründlich erleben, dass es halt ganz bestimmte Einzelfälle gibt...Und das sind die, die die Blumen mitbringen.

Der Kater frisst jetzt nur noch von Papptellern.

Und gekocht wird auch nicht mehr. Ab jetzt wirklich nicht mehr! Trotz aller Bemühung, mir das Operieren in der Küche durch Organisation, Zugänglichkeit und "Ein-Schritt-Lösungen", also einen Küchenaufbau, der es einem erlaubt, bestimmte Dinge mit nur einem Handgriff zu erreichen oder zu erledigen, so einfach wie möglich zu machen, schaffe ich es alle paar Tage, diesen Raum zum Schlachtfeld zu machen. Davon gibt es keine Fotos. Es mag mir nicht peinlich sein, meinen nackten Po in die Kamera zu halten. Der Zustand meiner Küche ist es.

Natürlich findet dort täglich eine echte Schlacht fest. Chaotische (nicht fein säuberlich gestapelte) Berge von dreckigem Geschirr entstehen innerhalb von Stunden, und werden erst einmal nicht beseitigt. Das bewerkstellige ich dadurch, dass ich für jeden Handgriff und jede Walnuss einen neuen Teller oder eine frische Schüssel und immer neues Besteck verwende. Ich lasse leere Verpackungen und Abfälle erst einmal auf der Arbeitsfläche liegen, anstatt sie gleich wegzuwerfen. Ich lasse Sachen spritzen und anbrennen. Ich kreiere dieses Chaos so, als wäre es mit Absicht. Ich sehe und verstehe, wie es entsteht. Aber es ensteht nicht mit Absicht. Es ist, und das ist ja schon seit Längerem meine Überzeugung, die Manifestation meiner noch immer vorhandenen Essstörung. Sie ist das Abbild des inneren fast vier Jahrzehnte alten Schlachtfeldes, wenn es um Nahrungsaufnahme geht. Und während ich bei eben jener Nahrungsaufnahme selbst diese Störung heute kaum mehr verspüre und weitgehend schuldfrei esse, scheint es so, als ob mich irgendetwas in mir für das Abschütteln der Schuld doch nicht ganz vom Haken lassen will. Ich begreife die Unordnung in der Küche als Bestrafungsmechanismus und/oder als eine wilde Äußerung von unterbewusst noch immer vorhandener Ambivalenz und Verwirrung im Bezug auf Ernährung. Und besonders in den letzten Tagen schien sich die Situation eher noch zu verstärken.

Und weil ich im Augenblick keine besseren Ideen mehr habe, bleibt die Küche nun endlich doch kalt. Nun ja, erwärmt wird nur noch in der Mikrowelle, und Lebensmittel, die in ihrem eigenen Behältnis auch gleich verzehrt werden können, werden klar bevorzugt. Dass das viel mehr Müll erzeugt als sonst, ist mir natürlich klar. Aber es geht hier schlicht um Selbstverteidigung. Der Kühlschrank ist heute voll mit Salatschalen, vorgeschnittenen und verpackten Früchten, Quark, Joghurt, und meinen Lieblingstofubällchen, die man gut kalt essen kann. Eine Liste mit den neuen Regeln hängt jetzt an der Küchentür. Mal sehen, ob ich mich so selbst überlisten kann.

Und da Fett- und Selbstakzeptanz weder leicht zu entwickeln noch zu erhalten sind,...

...nehme ich ja jede Hilfe, die ich irgendwie kriegen kann. Und ich würde in diesem Zusammenhang gern noch einmal auf das Buchprojekt von Gisela Enders hinweisen, für dessen Zustandekommen noch immer MitstreiterInnen gebraucht werden, die zur finanziellen Unterstützung eines der vorgestellten Angebote buchen. Ich selbst habe, wie gesagt, das Buch vorbestellt, denn ich finde es wirklich wichtig, die (äußerst überschaubare) Reihe der auf Deutsch verfügbaren Publikationen zum Thema Selbstakzeptanz für Dicke durch einen substantiellen Beitrag zu erweitern. Ich möchte das Buch gern lesen.

VORSICHT - Polemik! 

Die Tatsache, dass die Unterstützung des Projektes tatsächlich im Augenblick zu stagnieren scheint, finde ich ärgerlich und bestürzend. Die Hälfte aller Deutschen ist statistisch betrachtet "übergewichtig". Millionen von Deutschen leiden an Essstörungen, und dennoch ist es augenscheinlich so gut wie unmöglich, das Thema auf einer breiteren, öffentlichen Ebene als relevant zu etablieren.

Selbst das Interesse derer, die sich zumindest im Ansatz mit der Problematik befassen und das Internet regelmäßig nutzen, um sich hier zu informieren und zu äußern, scheint sie oft noch immer nicht viel weiter zu tragen, als bis zum nächsten Modeblog, in dem sich dicke Frauen in mehrheitlich verdammt spießigen Outfits "auch hübsch" machen. Los Mädels, es wird Zeit - ein wenig Aktivismus steht jeder Frau! Genau wie ein wenig Feminismus! Tut mal was Politisches! Kauft ein Buch statt der nächsten billigen Handtasche!

Ich weiß, ich werde hierfür wieder eine Hand voll Leserinnen einbüßen. Aber wenn es gleichzeitig dazu führt, dass das Interesse anderer für das Projekt geweckt wird, ist das schon in Ordnung. ; )

NH

Freitag, 6. März 2015

Follow me around 18: Stimmen der Vernunft

Respekt.
"Wir haben sehr viele Rückmeldungen dazu erhalten. Wir wurden darauf hingewiesen, dass diese Richtlinienänderung seit langer Zeit bestehende Blogs betrifft. Ein Thema waren auch die negativen Auswirkungen, die dies auf Personen haben könnte, die sexuell eindeutige Inhalte posten, um ihre Identität zum Ausdruck zu bringen. Wir bedanken uns für das Feedback. Wir werden die Änderung nicht umsetzen und stattdessen unsere bestehenden Richtlinien beibehalten." (Nachricht von Blogger)
Und ich bin regelrecht stolz auf Blogger, und noch mehr auf all die Blogger-BloggerInnen, die sich offenbar beschwert, bzw. kritisch geäußert haben. So wie ich halt auch. Aber als ich meine klitzekleine Nachricht schrieb, habe ich es nie im Leben für möglich gehalten, dass Blogger seine Pläne im Hinblick auf "sexuell eindeutige Bilder" womöglich nicht umsetzt. Für einen Augenblick hatten die doch allen Ernstes vor, alle Blogs mit entsprechenden Abbildungen zu "privaten Blogs" zu machen. Ich war ja schon dabei, meinen Umzug von Blogger zu planen und hatte aber auch nicht erwartet, dass der Ansturm der Blogger-User so heftig sein würde. Nun haben in diesem Fall Vernunft, Fairness, Vielfalt und ein freies Internet gewonnen. Ist alles andere als selbstverständlich. Und doch mal ein echter Grund zur Freude! : )
Help wanted
Gisela Enders, die Vorsitzende von Dicke e.V. - dem Verein für die Akzeptanz dicker Menschen, hat ein neues Buch geschrieben - über Strategien zur Selbstakzeptanz für Dicke. Sie ist Coach und Trainerin und bietet ihre Dienste auch explizit für dicke Menschen an, die lernen wollen, sich selbst in ihren runden Körpern zu akzeptieren und mit ihrem Fett Frieden zu schließen. Der Titel des Buches ist "Wohl in deiner Haut", und es wird von ihr im Selbstverlag herausgebracht. Das kostet Geld! Die Lösung ist zeitgemäß und heißt Crowdfunding: Enders stellt ihr Projekt bei Startnext vor und bietet eine Liste von Optionen, wie man ihr Projekt finanziell unterstützen kann. Konkret benötigt sie € 5000,- für das Layout und den Druck des Buches. Für einen Beitrag von € 40,- kann frau sich z.B. einen Platz als Covergirl auf dem Titel des Buches sichern. Für € 15,- kann man das Buch selbst bestellen, das man im Juni dann druckfrisch zugeschickt bekommt. Ich habe mir als Unterstützerin schon mal eine Kopie "gebucht", weil es bekanntlich nur sehr wenige Bücher über dicke Selbst- und Fettakzeptanz auf Deutsch gibt. Und von denen sind noch weniger besonders gut. Wenn Verleger also nicht dafür sorgen, dass mal etwas Brauchbares zum Thema erscheint, dann müssen wir die Sache selbst in die Hand nehmen. Ich bin also sehr gespannt auf "Wohl in meiner Haut" und hoffe, dass die Kampagne schnell noch viele Unterstützerinnen findet. Wenn der Zielbetrag übrigens nicht erreicht werden sollte, bekommt man sein Geld zurück, bzw. Konto oder Kreditkarte werden gar nicht belastet. Hier noch einmal der Link: https://www.startnext.com/wohl-in-meiner-haut

Kauffrausladen


Durch ein Gespräch und eine damit einhergehende Eingebung habe ich mich vorgestern an einen Plan und Wunsch erinnert, den ich schon im Gepäck habe, seit ich ein Kind bin: Ich wollte immer einen Laden haben.Oder so etwas in der Art. Es gibt Dinge, die man zwar aus den Augen verlieren mag, die aber niemals ganz verschwinden. Genau genommen hatte ich natürlich mein Berufsleben lang einen "Laden", denn ich war immer selbständig. (Wenn man mal von meinem Ausflug ins öffentliche Schulsystem als Aushilfslehrerin mal absieht.) Nach besagter Unterhaltung wucherte auf der Fahrt nach Hause im meinem Kopf der atemlose Gedanke, dass man mit Mitte vierzig auf jeden Fall nicht zu alt ist, um geschäftlich noch einmal mit Schwung in etwas Neues zu starten, aber dass man sehr wohl zu alt ist, um womöglich noch eine Ewigkeit damit zu warten. 
Das vorläufige Ergebnis des Daraufherumdenkens ist eine ziemlich klare Idee und ein aus drei Sätzen bestehender "Business Plan", den ich mir wiederum im Auto ins Telefon diktiert habe. Im Augenblick fehlen mir natürlich die Ressourcen zur Umsetzung. Aber wenn man schon mal im Fluss ist, soll man auch etwas Konkretes unternehmen, damit ein Projekt sich gleich am Anfang zumindest auf irgendeine greifbare Weise manifestiert. Und was ich mir leisten konnte, war die Sicherung einer Domain...

Straßendreck

Auf diese Weise stellte ich dann mal wieder fest, wie unendlich vermüllt sie ist, die Datenautobahn. Und wie überfüllt mit unappetitlichen Wegelagerern. Die erste Domain, die ich gern gehabt hätte, war thedress.com. Und ich rechnete natürlich schon damit, dass sie nicht verfügbar sein würde. Ist sie auch nicht. Jemand hat sie registriert und dann einfach nur geparkt - in Form von Internetgerümpel auf einer von Millionen von unsäglichen "Parkseiten". Die Domains sind dann natürlich zu verkaufen - aber ich werde selbstverständlich den Teufel tun. Bei weiteren Versuchen stellte ich fest, dass auch justonedress.com ungenutzt, aber besetzt und ebenfalls zu erwerben ist - für 1.895 Dollar. Ebenso verhielt es sich mit thisisthedress.com, sowie einem weiteren guten Dutzend von Domainnamen, die ich überprüft habe. Nicht verfügbar für echte Vorhaben, sondern als Geiseln genommen. Ganz besonders geärgert hat mit das in den Fällen von fatshion.com und fatshion.de, die beide nicht zu haben sind und doch auch nur zu Internetleichen führen.

Welchen Namen ich nun am Ende angemeldet habe, verrate ich noch nicht. Ich hoffe, irgendwann mal...bald irgendwann mal. ; )

NH