Montag, 21. Juli 2014

Follow me around 3



Schön ist das nicht


Vor ein paar Stunden habe ich softpornografische Filmaufnahmen gemacht. Von mir selbst, um jemand anderem eine Freude zu machen. Zentrales Motiv der Arbeit war das Aufbringen von Sprühsahne auf meinen Busen...in den Initialen des Beschenkten...

Kennt das noch jemand, dass einem bei so ziemlich jeder Unternehmung mit mehr als einer Unbekannten fast unvermeidlich erst einmal alles um die Ohren fliegt? Nichts ist jemals einfach. So ziemlich alles, was einem wichtig ist, muss erkämpft werden. Wenn es mal nicht so ist, ist man komplett verwirrt und kann es nicht recht fassen. Durch den Impuls trotzdem zu rackern, um zu erringen, kann man dann gute, leichte Sachen auch schnell wieder dazu bringen, zu verschwinden. Und zwar noch bevor man sie als das erkannt hat, was sie sind.

Jedenfalls schüttelte ich enthusiastisch die Dose, drückte dann den kleinen Knopf, und es sagte vorwurfsvoll "kriggsch", worauf ich einen eingerissenen, blutigen Nagel und das Gesicht voller Sahne hatte. Der Dinosaurier auf dem Fensterbrett sah aus, als sei er in einen Schneesturm geraten und was ich heute außerdem noch gelernt habe, wäre dieses: Sprühsahne aus Jalousien zu putzen ist eine Schlacht, die man nicht gewinnen kann.

Ich sprühte noch einmal und traf diesmal, erregte aber auch die Aufmerksamkeit des Katers, der entschlossen auf meinen Schoß kletterte, fasziniert an mir roch und anfing, mir die Sahne vom Arm zu lecken. Als ich ihn endlich trickreich aus dem Bild befördert hatte, war die Sahne flüssig und unlesbar. Dafür tropfte sie umso wilder und unkontrollierbarer ÜBERALL HIN.

So ist das. Immerzu kracht irgendetwas zusammen und/oder auf den Boden, wo es dann in die hinterste Ecke und/oder unter den Schrank kullert. Wenn man dann hinterher kriecht, findet man einen Haufen von Dingen, die man wirklich lieber niemals gesehen hätte. Die Welt, in der ich lebe, ist eine gigantische Handtasche, in der konsequenterweise alles, was man braucht, gerade unauffindbar ist. Und wenn man dann die kleine Taschenlampe am Schlüsselbund anknipsen will, um die Sache hilfreich zu erhellen, ist die Batterie alle.

Was allerdings so schnell nicht verloren gehen wird, ist der Geruch der Sprühsahne auf der Haut. Dem war auch mit Körperpeeling irgendwie nicht beizukommen.

Das bisschen Haushalt


Erwähnte ich schon, dass ich seit einiger Zeit nicht mehr koche? Weil mir regelmäßig alles anbrennt? Abgesehen von der frustrierenden Verschwendung von Lebensmitteln ertrug ich auch das Einweichen und Ausschrubben der Töpfe nicht mehr. Auch im Ofen verbrutzelte immer alles zu Kohle. Ich dachte, ich wäre clever, und stellte einen Timer. Der klingelte, die Pizza war noch nicht fertig, ich vergaß, die Uhr nochmals zu stellen - Bingo!

Nun mache ich nur noch Essen, das roh, oder für die Mikrowelle geeignet ist. Auf diese Weise schlagen mir zwar keine offenen Flammen mehr entgegen, dafür wird jetzt oft alles wieder kalt, bevor ich dazu komme, es aus der Küche abzuholen. Ja, ich vergesse zu essen. Ich habe tonnenweise Wichtigeres zu tun - äußerlich wie innerlich. Am vergangenen Wochenende habe ich hauptsächlich von Wassereis gelebt. Ich glaub' übrigens, daran könnte ich mich durchaus gewöhnen. Abendessen am Stiel. Gar kein Abwasch mehr...bis auf die Katzenteller. Die allerdings sind insbesondere bei den aktuellen Temperaturen eine echte Herausforderung.Hm, vermutlich hätte der Kater keine Probleme damit, auf Pappteller umzusteigen. Ich weiß, mein Kampf mit der Küche soll mir etwas sagen. Aber es wäre geprahlt, zu behaupten, ich wüsste wirklich, was.

Hautbild


Auch was meine Haut mir mit ihrem absurden Ausbruch mitteilen wollte, ist mir ich nicht so recht klar. Oder sagen wir, ich verstehe einfach nicht, warum sie so lange gewartet hat, und sich ausgerechnet jetzt als Spiegel der Seele aufspielen musste. Und ich will, dass sie wieder damit aufhört und traue ihr nicht. Darum beschmiere ich sie immer weiter mit antibiotischer Creme, damit sie ja die Klappe hält. Sie rächt sich und lässt einfach die Verfärbungen, die von der Dermatitis geblieben sind, nicht so richtig abklingen. So habe ich noch immer eine reduzierte, rötliche Weltkarte mitten im Gesicht. Links Südamerika, rechts Russland - und meine Nase als Bergkette dazwischen. 

Obendrein habe ich bei großer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit immer ein Problem mit juckenden Pickelchen auf der Stirn. Normalerweise rücke ich diesen ziemlich erfolgreich mit Kortison zu Leibe. Aber in diesem Jahr geht das ja nicht. Also kratze ich mich viel am Kopf und trage weiterhin kein Make-up. Das könnte der m,kkkkk.l-öööö (Kater ist über die Tastatur gewandert) Anfang einer völlig neuen Phase des Ugly Girl Projects sein...ich bin mir nur nicht sicher, ob ich dafür bereit bin. Für die ungeschminkte Wahrheit.

NH

Freitag, 11. Juli 2014

Follow me around 2


Nicht schwanger

Vor ein paar Wochen bekam ich meine Periode nicht rechtzeitig. Und ich dachte mir zunächst überhaupt gar nichts dabei. Nach zwei Wochen wunderte ich mich, aber dachte noch immer nicht weiter. Nach vier Wochen wurde ich plötzlich ausgesprochen unruhig. Mich ergriff eine flammende Panik, und ich kaufte nach über einem Jahrzehnt mal wieder einen Schwangerschaftstest. Ich trug ihn nach Haus, legte ihn in eine Schublade und begriff, dass ich alt werde.

Ich wollte nie Kinder haben. Mein Leben lang war ich in Verhütungsangelegenheiten immer  übergründlich. Und niemals wäre zuvor ein ganzer blutungsfreier Monat ins Land gegangen - der Sache wäre innerhalb weniger Tage auf den Grund gegangen worden. Es gab ja auch keine Entscheidung zu fällen, keinen inneren Konflikt. Eine Schwangerschaft wäre in meinem Fall immer ungewollt gewesen und damit auch automatisch beendet worden.

Bis jetzt. Jetzt bin ich zweiundvierzig Jahre alt. Und ich fand mich mit Herzklopfen auf meinem Badezimmerhocker kauernd, das Gesicht in den Händen, den Kopf voller verstörender weil zutiefst konventioneller Fragen: Was, wenn nun kurz vor Ladenschluss doch noch was passiert ist? Was das Kinderkriegen angeht, wäre das hier mit ziemlicher Sicherheit dein allerletzter Aufruf...WAS WÜRDEST DU ALSO TUN, WENN ES WIRKLICH SO WÄRE?! Ein Kind wäre endlich mal was Normales in deinem Leben. Das wäre die Gelegenheit, am Ende doch noch wenigstens ein gängiges Lebensritual abzuarbeiten. Außerdem - vielleicht ist es ja tatsächlich sinnstiftend, wer weiß...zumindest käme deine gesamte Bilderbuchsammlung noch einmal so richtig zum Einsatz.

Die Freundin, mit der ich dann darüber sprach, kriegte sich über die ungelegten Eier fast gar nicht mehr ein vor Vorfreude: "Oh, wie schön! Das ist doch super! Das würde mich aber für dich freuen! Kinder sind doch sowas Schönes! Und eins kriegt man doch immer groß - auch, wenn man alleinerziehend ist...!" (Bitte gedanklich hier das Geräusch quietschender Bremsen einfügen.) Beruhigter war ich danach keinesfalls, denn sie hatte mich ja erst an einen nicht unbedeutenden Aspekt erinnert: Dem Vater müsste man dann vermutlich auch noch irgendwann Bescheid geben...

Dann machte ich den Test, und er war negativ. Ich war in der Tat erleichtert, wenn vielleicht auch nicht ganz so sehr, wie erwartet.

Weg

"Womit denn seine Stunden verbringen, wenn die Lippen müßig sind? Mit der Liebe? Mit der Liebe? Diese Betrachtungen gehen über meinen Verstand, in ihnen liegt eine Fähigkeit zum Glück und zur Trägheit, etwas Befriedigtes, das mich anwidert." (Flaubert)




Erst wusch ich einen Korb voll schwarzer, alleinstehender Socken. Als es dann ans Sortieren ging, gab ich entnervt und im wahrsten Sinne angewidert auf, stopfte sie in eine Plastiktüte und warf sie kurzerhand weg. An einigen von ihnen hatten noch Fusseln und Haare geklebt. Ein paar hatten durchscheinende Sohlen. Ich wollte mich mit dem Elend nicht mehr befassen. Ich wollte den Quatsch für immer vom Tisch. Jetzt bin ich komplett ohne schwarze Socken, aber noch ist ja Sommer.

Und es landete noch etwas im Container. Ich bin jetzt so alt, dass es in meinem Haushalt Bücher gibt, die ich immer lesen wollte, aber bei denen mir langsam klar wird, dass ich es in diesem Leben vermutlich trotzdem nicht mehr tun werde. Ich habe mir vermutlich so ungefähr ein gutes Semester in der Hamburger Staatsbibliothek um die Ohren geschlagen, um dort die 360 Seiten zu kopieren, aus denen Ralph-Rainer Wuthenows "Muse, Maske, Meduse - Europäischer Ästhetizismus" besteht. Die oben stehende Textstelle stammt daraus.Vermutlich wäre es ohnehin sehr viel billiger gewesen, es schlicht fertig im Laden zu erwerben. Wobei - heute bekommt man halt fast alles im Internet. Möglicherweise war es damals vergriffen. So oder so - nun liegt es ungelesen im Müll. Ein Projekt weniger.

Periorale Dermatitis


Zwischendrin verlor ich dann mein Gesicht. Die biestige Ironie und Ambiguität blieben mir nicht verborgen. Jetzt war ich keine dicke Frau mit dem vielbemühten "hübschen Gesicht" mehr. Ich war eine dicke Frau mit einem nässenden, brandroten Ausschlag um den Mund, vor dem sich Menschen merklich erschreckten, wenn sie mich sahen. Ich war ein komplett "hässliches" Mädchen - ohne Milderung oder Alibi. Ganz unbekannt war mir dieser Zustand nicht. Als Teenager litt ich an Akne. Und ich habe noch immer die Angewohnheit, an Pickeln oder Insektenstichen zu pulen, bis Blut fließt. Trotzdem - was für eine Ausweitung des Übungsfeldes im Hinblick auf Selbstakzeptanz.

Der Verlust des Gesichtes wirkte sich übrigens auch auf persönlicher Ebene umgehend aus. Ich bekam keinen Abschiedskuss mehr. Dabei wäre das lebensnotwendig gewesen.

Weil es sich nun gerade so anbietet, und ich selbst im Internet hilfreiche Tipps zur Behandlung einer perioralen Dermatitis fand, werde ich hier in guter Beauty-Blogger-Manier kurz schildern, wie ich das Ganze wieder halbwegs in den Griff bekommen habe.

Die periorale Dermatitis wird auch volksmundig als "Stewardessenkrankheit" bezeichnet. Sie resultiert wohl zumeist aus einer Überpflegung der Haut, gepaart mit Stress, Bakterien und einer persönlichen Disposition, diese Krankheit zu bekommen. Sie beginnt mit Bläschen um Nase und Mund (und manchmal am Auge), bei denen man noch nichts Böses vermutet und geht dann, wenn es mies läuft, ziemlich schnell in entzündliche, schuppende Schollen über.

Was mir (relativ) schnell, also innerhalb von drei bis vier Wochen, geholfen hat:

  • Nulldiät für die Gesichtshaut, d.h. es dürfen gar keine Kosmetika mehr verwendet werden. Das Gesicht soll auch nur noch mit Wasser gewaschen werden. (Ich verwende manchmal einen Wattebausch mit Isopropylalkohol, wenn es mir zu klebrig wird, das desinfiziert auch.)
  • Tägliches Wechseln des Kopfkissenbezuges.
  • Eine verschreibungspflichtige Creme mit Erythromycin für die Nacht.
  • Eine verschreibungspflichtige Creme mit Metronidazol für den Tag.
  • Heilerde-Masken (allerdings selbst angerührt, nicht die fertigen Masken aus der Tube).
  • Die anfänglich starken Entzündungen haben bei mir ganz gut auf Kühlung mit Eiswürfeln aus schwarzem Tee reagiert.
  • Autogenes Training zum Stressabbau.

Braves Mädchen

Und noch mehr ist weg. Gewicht. Ich erzähle gern allen, dass ich heute 12 kg weniger wiege, als Ende 2013. Weil alle genauso reagieren, wie ich es vermutet habe, und ich halt so gern Recht behalte. ; ) Obwohl die meisten dieser Menschen genau wissen, dass ich ein Blog über Fettakzeptanz schreibe, hält sich kaum einer mit Ambivalenz auf. Sie sind wie die Roboter - wo Gewicht verloren wird, da ist nach wie vor alles gut und uneingeschränkt beklatschbar. Einige scheinen regelrecht froh, dass die dicke Nicola offenbar zur Vernunft gekommen ist. "Oh, schöön! Dünner ist ja doch auch gesünder." "Toll, was tust du denn so, um abzunehmen?" "Find ich richtig gut, dass du das jetzt machst." "Du, das sieht man auch schon!" "Weiter so! Wollen Sie sich nicht vielleicht doch mal einer Laufgruppe anschließen?" (Das war meine Frauenärztin.) Und dann kam auch noch Theo: "Cool."... Ja, das hat er gesagt. Und was gäbe ich für ein Foto von meinem Gesichtsausdruck in eben jener Sekunde.

NH

Sonntag, 22. Juni 2014

Follow me around*



*"Follow me around" ist mittlerweile eine YouTube-Variante des filmischen Tagebuches. Vorreiterin oder zumindest Erfinderin der Überschrift war vermutlich die Vloggerin Bunny Meyer. Es schien mir die treffendste Bezeichnung für mein eigenes Vorhaben, im Internet wieder regelmäßig Schilderungen aus meinem persönlichen und unmittelbaren Leben zu veröffentlichen. Es waren noch andere Titel im Rennen: "Tagesnotizen". Und: "Ein ungeprüftes Leben...", das bekanntlich laut Sokrates nicht lebenswert ist.

Tagesnotizen müssten vielleicht täglich gemacht werden. Das schien mir dann doch zu viel verlangt. Und das "ungeprüfte Leben" war mir am Ende zu kalendersprüchig. Vlogs sind zumeist Alltagsgeschichten. Ihr Kern ist das Alltagsbanale, das allerdings erstaunlich spannend werden kann. Ich gehe z.B. furchtbar gern mit Vloggerinnen durch amerikanische Einkaufszentren, Fast-Food-Restaurants und Vergnügungsparks. So wie der gefilmte Haul an sich, erzählen auch diese beliebigen Ausflüge Geschichten, die mich auf ganz erstaunliche Weise unterhalten. Leute tun normale Dinge. Aber Leute sind eben nicht normal. Private Vlogs sind besser als Reality-Soaps. Sie sind zwar unpoliert, aber dafür oft klüger und interessanter. Natürlich hängt das aber auch maßgeblich von der Vloggerin ab, die so ihr Selbstportrait zeichnet und das eigene Leben observiert.

Ich habe eine Menge bisher noch unbetrachteten Alltag. Jeden Tag sammle ich aus meiner Perspektive als von Natur aus grimmige, dicke Dame Fragmente und Merkwürdigkeiten. Ich habe vor, sie hier in Zukunft regelmäßiger auszubreiten, weil ich glaube, dass mir das unter Anderem zu mehr Selbsterkenntnis verhelfen kann. So wie es hilfreich ist, über das Auf und Ab dicker Selbstakzeptanz zu schreiben. Das Ganze könnte natürlich aber auch ein wenig chaotisch werden. Und grell. Denn obwohl ich in meiner Selbstakzeptanz in den letzten anderthalb Jahren ziemlich große Fortschritte gemacht habe, starte ich heute noch immer aus einer Position der kläglichen Bedürftigkeit. Ich muss mich noch mehr trauen, denn ich brauche von allem mehr: Mehr Liebe, mehr Geld, mehr Zeit, mehr Frieden und insgesamt mehr Freude. Und übrigens auch mehr Sex. Viel mehr Himbeeren. Und mehr neue Schauplätze.

Natürlich könnte ich allein mit meiner Alltagsempörung weiterhin eine Menge Platz füllen. Das werde ich vermutlich auch tun, weil ich gar nicht anders kann.

Im diesem Sinne möchte ich mich sodann auch gleich noch einmal bei der männlichen Politesse bedanken, in deren persönlichem Ermessen es lag, mein Auto von der Stelle an der ich in der hamburger Hafencity stand, abschleppen zu lassen, oder mir doch nur einen Strafzettel unter die Scheibenwischer zu klemmen. Und zwar dafür, dass ich nun um eine haarsträubende Erfahrung und sehr viel Gesprächsstoff reicher bin.

Wenn man übrigens bei der hamburger Polizei anruft und sagt: "Sie haben mein Auto abgeschleppt!", dann bekommt man automatisch folgende Antwort: "ICH habe Ihr Auto nicht abgeschleppt." Ich habe es getestet: Drei verschiedene Beamte am Telefon - immer die selbe Antwort. Offenbar hat man ihnen beigebracht, die auf sie von aufgeregten Bürgern projezierte Schuld umgehend von sich zu weisen. Wer immer der hierfür verantwortliche Kommunikationsexperte war - er versteht offenbar nichts von Konfliktentschärfung, oder ist daran schlicht nicht interessiert. Denn womit kann man wohl jemanden, der unverhofft ohne Auto dasteht, noch ein wenig mehr auf die Palme bringen? Richtig: kindische, rhetorische Spitzfindigkeiten.

Was man den Polizisten der zuständigen Wache vielleicht lieber hätte beibringen sollen, ist die Adresse des Autoknastes, denn statt zur korrekten Hausnummer 179 schickte man mich zunächst zur 28. Dabei kann man jedoch schon froh sein, wenn die Polizei wenigstens eine ungefähre Ahnung hat, wo sie den Besitz anderer Leute hinschiebt. Vor ein paar Jahren hatten sie mein Auto vorübergehend ganz und gar verlegt. Allerdings musste man damals noch kein Lösegeld zahlen, um es erst einmal wieder in Besitz zu nehmen. (Als wir es dann endlich wiedergefunden hatten.)

Wie es überhaupt mit den Prinzipien eines Rechtsstaates vereinbar ist, die Herausgabe eines für so viele Menschen in ihrer Alltagsbewältigung essentiellen Gebrauchsgegenstand an die vorherige Zahlung von 278 Euro zu koppeln, ist und bleibt mir ein Rätsel. (Dass man durch solch eine Unverhältnismäßigkeit im ungünstigsten Falle sogar kurzerhand ganze Existenzen zerstören  kann, ist eine Überlegung, die offenbar nicht für jede männliche Politesse zu bewerkstelligen ist.) In meinem Fall beinhaltete dieser Betrag eine "Verwahrungsgebühr" von 73 Euro - für die Geiselhaft meines Wagens, die ca. ganze 90 Minuten dauerte. Der Autoknast Tiefstack ist übrigens eine privat betriebene Anstalt und gehört zur APCOA. Drum prüfe künftig, wer sich  in ein Parkhaus begibt. Privat fahre ich so bald  nicht mehr in die Innenstadt von Hamburg. Ich kaufe zukünftig nur noch dort ein, wo man keinen Psychokrieg gegen die eigenen Bürger führt.

NH

Samstag, 21. Juni 2014

Alles eine Frage der Perspektivität*

Irgendwie ist es einfach passiert. Ich sehe die Welt mit anderen Augen. Als jahrzehntelange Vogue-Anschauerin (denn wer liest denn bitte die Vogue?), fiel es mir jetzt nach ungefähr zwei Jahren Bemühungen um eine neue Sicht, wenn es um meine eigene und die Körperformen anderer geht, wie Schuppen von den Augen. Ich kann neu sehen! (Ja, ich weiß - Redewendungen-Overkill. Aber ich kann mir einfach nicht helfen. ; ))

Um genau zu sein - bestimmte Anblicke kommen mir gar nicht mehr neu/außergewöhnlich vor. Meine unmittelbare Bewertung hat sich komplett geändert. Ich denke nicht mehr: Das sieht ja auch ganz gut aus. (Also dafür, dass das Model keine Größe 34 trägt). Ich denke: Sieht toll aus, das Kleid will ich auch. Spätestens ab hier sollten alle Moderedakteurinnen mitschreiben - und zwar hinter ihren Ohren. Denn was ich kann, können wir selbstverständlich alle. Wir können unsere inneren Programme tatsächlich ändern. Und wenn wir es alle machen, dann wird die Erde rund. 

Die folgenden Bilder sind aus einem Persona-Katalog, den ich im Vorbeigehen aus einem Modegeschäft für "Übergrößen" mitgenommen habe. Ich würde sagen, die Models tragen ungefähr Größe 40/42. Da würde ich natürlich nicht reinpassen. Und im Prinzip ärgert es mich selbstverständlich, dass man Mode für Dicke noch immer nicht konsequent auch an dicken Frauen präsentiert. Aber zumindest passiert hier etwas, von dem die Modeindustrie mit ihrer unerträglichen Hochnäsigkeit und Dummheit noch immer in weiten Teilen behauptet, dass es eigentlich gar nicht geht: Es ist sehr wohl möglich, statistisch "normale" Frauenkörper im High-Fashion-Modus abzulichten. Und der Blick der Allgemeinheit auf sie kann sehr wohl "normal" werden. Und das vermutlich sogar seeehr viel schneller, als so manchem lieb wäre. 

Lassen wir uns also bloß keine Märchen mehr erzählen, dass es tatsächlich eine Frage von objektiven Attraktivitätsstandards sei, wie dick oder dünn jemand sein darf, um vor die Kamera und dann auf unseren Kaffeetisch zu kommen. Das ist es nicht. Dünn ist nicht schöner als dick. 34 ist nicht schöner als 42. 34 ist lediglich das, was wir kennen. Es ist eine Frage von (Seh-)Gewohnheit. Wer glaubt, er erträgt den Anblick des eigenen Fettes und das von anderen nicht, der muss nur lange genug hinsehen. Ist alles ein Frage der Übung und der Öffnung für neue Ausblicke. Wer immer auf den selben Punkt starrt, kriegt halt einen steifen Nacken. Und verpasst viel.

NH




*"Perspektivität und Perspektivismus bezeichnen philosophische Lehren, die besagen, dass die Wirklichkeit von Standpunkt und Eigenschaften des betrachtenden Individuums abhängig ist." (Wikipedia)

Sonntag, 8. Juni 2014

Körper malen

Es war 2011, als ich mich mit Fingerfarbe bestrichen und meinen Oberkörper auf Leinwände gepresst habe. Im letzten Jahr habe ich mich u. a. mit farbigem Hinterteil auf Leinwände gesetzt. All dieses geschah in der Absicht, irgendwann aus den vorläufigen Ergebnissen des Körperdrucks "richtige" Bilder zu machen, also alle Leinwände noch einmal zusätzlich zu bearbeiten.

Das habe ich nun gestern und heute endlich getan. 26 Bilder sind es nun, die ich maßgeblich mit meinem Körper gestaltet habe. Und die natürlich meinen Körper ziemlich deutlich zeigen. Mitunter in ganz erstaunlichem Detail - so kann man z.B. in einigen Fällen die Dehnungsstreifen sehr genau erkennen - die werden dadurch sozusagen zum Teil des Designs.

Die Handabdrücke geben den Darstellungen in einigen Fällen etwas besonders "Insektenartiges" - und sie zeigen natürlich, wie die Bilder enstanden sind (langsame Absenkung auf die Leinwand und keine schmerzhaften Bauchklatscher, bei denen ich womöglich auch quer durch das Zimmer geschliddert wäre). Jedenfalls habe ich mich in den meisten Fallen dafür entschieden, sie nicht zu übermalen.

Zwar zeige ich hier jetzt nicht alle Bilder, aber weil ich so stolz bin, dass das Projekt jetzt zu guter Letzt doch noch abgearbeitet worden ist, zeige ich ziemlich viele. Noch bin ich unschlüssig, was mit ihnen geschehen soll/kann...aber die Übung als solche kann ich, wie schon zuvor, jeder runden Dame empfehlen, die mit ihrer Fülle uneins ist, nur empfehlen. Man lernt sein Fett so richtig neu kennen - und das, was es alles kann. ; )







Eines der "Brustbilder" ; )

© Nicola Hinz 2014