Sonntag, 16. November 2014

Follow me around 10: Verschlüsselt


Das hier wird am Ende womöglich ein echter Tagebucheintrag. 

Vor Kurzem hat mir jemand gesagt, dass ich der Typ Frau bin, der doch garantiert ein Tagebuch führt. Ich habe vergessen zu fragen, was das wohl für ein Frauentyp ist, aber recht hatte derjenige zufällig trotzdem.

Das ist natürlich nicht wirklich ein Geheimnis - schließlich hat dieses Blog mal als "Diät-Tagebuch" begonnen. Überhaupt war ich immer sehr gründlich in der Archivierung meiner persönlichen Geschichte und Befindlichkeiten. Und das seit 1984. Da war ich zwölf, schwer verliebt in John Taylor von Duran Duran und wurde am 31.Oktober Vegetarierin (das sollte für die nächsten 12 Jahre so bleiben). Ich machte Diät, hatte oft Kopfweh und Zukunftsängste und arbeitete unablässig daran, ein besseres Ich zu werden. Auch dazu dienten die Aufzeichnungen - zur ständigen Selbstüberprüfung. Außerdem sprach ich mit meinem Tagebuch in der ersten Person. Es war ein "Du".

Im Laufe der Jahre kamen zum Haupttagebuch dann sogar noch andere Bände hinzu, um bestimmte Unterkategorien abzudecken - Ernährungstagebücher, Bücher mit Tageszielen und Tagesbewertungen und vor zwei Jahren ein Online-Dating-Tagebuch, das mittlerweile, wie bereits berichtet, schon wieder im Ruhestand und halbleer ist. Außerdem habe ich seit 2000 ein "Freubuch", gebunden in rosa Wildseide, in dem nicht der Alltag sondern nur herausragend gute und glückbringende Ereignisse festgehalten werden sollten. Bisher enthält das Buch zwanzig Einträge, davon sind sieben aus dem Jahr 2013.

Inzwischen fülle ich mein vierzigstes Tagebuch. Allerdings nicht mehr sehr regelmäßig. Der letzte Eintrag ist vom 16. Juni. Das Bedürfnis der ständigen Selbstbespiegelung sinkt offenbar, obwohl es sicher noch immer ziemlich ausgeprägt ist.

Es gab Zeiten, in denen habe ich buchstäblich um mein Leben geschrieben. Um eine minimale innere Ordnung zu erhalten und sich tatsächlich an irgendetwas festzuhalten - und wenn es ein Füller war. Heute rettet mich das Schreiben nicht mehr so zuverlässig. Manchmal strengt es mich regelrecht an, einen Stift zu halten, dann wieder macht mir die Alltagsanalyse eher Angst oder Kopfzerbrechen, als dass sie mich beruhigt.

Tagebuchseite - Mittneunziger

Liebes Tagebuch,

ich wünsche mir, dass mir etwas einfach Wunderbares passiert. Etwas Kühnes, Großes und Wildes. Wie ein freundliches Gewitter. Etwas, das ich selbst nicht ausdenken könnte und dann kaum glauben kann. Und am besten gleich.

Gute Nacht
Nicki

Freubuch in Pink zwischen Tagebuch Nr. 1 (grün) und Nr. 40.

NH

Dienstag, 4. November 2014

Das Leben der A/anderen

Anton als Kätzchen im Hopfen, 1984.

Im dem Prozess, mich von Dingen in meinem Haushalt zu trennen, um mehr Luft und Leichtigkeit und Organisation zu ermöglichen, habe ich natürlich auch Schätze gefunden - Bilder über Bilder aus meinem Leben. Und dem Leben meiner Familie vor mir. Naturgemäß sind meine Eltern bevor sie meine Eltern wurden, Fremde. Die Tatsache, dass sie auch vor mir existiert haben, ist irgendwie immer ein wenig überraschend. Außerdem hatte mein Vater, wie wohl noch die meisten Väter von Kindern meiner Generation ohnehin ein geheimes Leben, weit weg von Frau und Kind. Von meinen Großeltern habe ich sogar niemanden kennengelernt. Viele der Bilder hatte ich zum ersten Mal in der Hand und vor Augen.

Aber auch bei der Durchsicht der Kisten mit aktuelleren Fotos habe ich mich oft gefragt: Wessen Leben ist das eigentlich? Die Bilder erzählen eine Geschichte über mich und meine Eltern, an die ich mich so kaum erinnere. Sie zeigen das Leben einer Anderen. Ein Leben, das sehr viel friedlicher wirkt, als es war. Oder scheinen die Ambivalenzen durch? Das ganze komplexe, oft selbstgemachte Unglück? Die störrische Exzentrik, die ich heute mehr zu schätzen weiß und vermutlich in weiten Teilen gar geerbt habe, aber die Kindern das Aufwachsen wahrhaftig keinesfalls erleichtert?

Ich habe mich ein wenig als Kuratorin betätigt, und dabei ist eine Art Familienalbum mit doppeltem Boden entstanden. Aber es ist auch eine Art Abschluss. So etwas wie "coming to terms". Nun kenne ich zumindest jede Fotografie, die in meiner Wohnung wohnt. Und ja...schon immer so viel Gelb...

NH
Die Mutter meiner Mutter. Ich habe meinen zweiten Vornamen von ihr: Elisabeth.
Garten.
Ich in gelber Wanne.
Ich in gelber Latzhose, ca. 11 Jahre
Mein Vater und ich - irgendwo in Italien.
Mein Vater und ich - beide überrascht voneinander.
Mein Vater als junger Reporter - und fremde Kulturen.
Mein Vater in der berliner Unterwelt, ca. 50er Jahre.
Mein Vater und Helmut Kohl - bizarre Überschneidung.
Sport war nie so sein Ding.
Mein Vater und ein Affe.
Hochzeitsbild, 1971
Ich mit ca. 3 Jahren und auf einer Reise.
Ich.
Gelbes Handtuch auf Sylt.
Ich im Schnee. Und in Gelb. Ca. 4 Jahre alt.
Elisabeths Beine.
Meine Mutter als Mittdreißigerin.
Meine Mutter geht in die Luft. Als Mittfünfzigerin.
Meine Mutter vorne rechts. Ja, sie liebte Schulausflüge ganz genauso sehr wie ich später.
Meine Mutter, Sylt, ca. Anfang zwanzig.
Meine Mutter und ich - Herbstspaziergang.
Meine Mutter als Mittsechzigerin.
Mein Vater mit seinem Vater.
Meine Eltern, Portugal, 1980.
Die Mutter meines Vaters mit Katze. Von ihr habe ich meinen dritten Vornamen: Meta.
Harry am Rednerpult.
Pietzke auf gelbem Kissen.
Ich mit südlichem Streuner, 1980.
Pünktchen.
Pünktchen und Anton. Die Kissenbezüge habe ich noch.
Ursula am Strand.
Winter in der Feldmark hinterm Haus.


© Nicola Hinz 2014

Sonntag, 26. Oktober 2014

A blast from the past

Ach, dass ich das wirklich aufgehoben habe! Guckt mal, was ich beim Aussortieren meines "Archivs" gefunden habe - eine Anzeige aus den 80ern mit Kelly LeBrock und ihrem explodierten Haar als Werbeträgerin. Trotzdem: Der Slogan ist seitdem teils sowohl Running Joke als auch trotziges Lebensmotto in meinem Haushalt. Man sollte auch heute T-shirts in XXXL damit bedrucken lassen. Denn seien wir ehrlich - seit runde Körper in der Öffentlichkeit immer sichtbarer und selbstbewusster werden - womöglich vermischt sich offene Fettphobie tatsächlich hier und da mit Neid. Und wenn es noch nicht so ist - glauben wir einfach, wenn sie sagt, dass es irgendwann passieren wird. ; )

PS: Ich überlege, ob ich mir die Haare mal wieder blondieren sollte. Hm...,

NH

Samstag, 18. Oktober 2014

Follow me around 9: Das Ende der Jagd

Schmetterlingsnetz 1

Betrachten wir das Experiment hiermit als abgeschlossen.

Seit ich auf Online-Dating-Plattformen nach nichts außer einer festen Partnerschaft suche, wird es, wie bereits berichtet, ausgesprochen zäh. In meinem Postkasten im biederen Dating Cafe herrschte gähnende Leere - bis gestern, weil da nämlich der letzte Tag meiner Mitgliedschaft war. Eigenartig, wie das Geschäft auf diesen Seiten immer kurz vor Ladenschluss so überdeutlich anzieht.

Bei Neu.de schaue ich gar nicht mehr rein. Das Publikum ist schlicht zu deprimierend und in vielerlei Hinsicht zu alt, obwohl die Mitgliedschaft dort noch für ein knappes Jahr bezahlt ist. Bei Zoosk ist eine Menge los. Wer fortgesetzt Bewegung und eine große Auswahl will, dem würde ich diese Partnerbörse durchaus empfehlen. Aber für mich war dort auch nach einem Monat Schluss. Ich bin zu schlapp, um die Schlechten immer weiter ins Kröpfchen zu sortieren, wenn es vor den Augen bereits nur noch flimmert.

Ich hätte zu gern noch einmal gewusst, wie echte (Ver)bindung geht, bevor ich alt und grau werde. Aber sei es drum. Einer könnte mich retten. Wenn er wollte. Will er nicht. Ich könnte ihn im Gegenzug auch ein bisschen retten. Wenn er wollte. Will er nicht. Ich gehe neuerdings immer mit Wärmflasche ins Bett. Kein Scherz - die wärmt meine Seele und meine zerlöcherte Mitte, und das ohne Wenn und Aber.

Schmetterlingsnetz 2

Dating down*

Sex ohne alles hingegen wäre noch immer kein Problem. Wenn man ihn noch wollte. Ich will ihn, glaube ich, nicht, obwohl ich eigentlich ein wenig Rehabilitation auf dem Gebiet gebrauchen könnte...

Es war eigentlich immer eine meiner Grundregeln, und dennoch habe mich zuletzt dämlicherweise selbst nicht daran gehalten: Es ist eine ganz schlechte Idee, die eigenen Erwartungen bei der Partnersuche der Qualität des aktuellen Angebots anzupassen. Andere mögen es Oberflächlichkeit nennen, ich nenne es Bauchgefühl. Und damit ist nicht zu spaßen.

Natürlich ist da aber auch der einfältige Rat, den jede berufene Stelle gerne gibt: Ansprüche zurückfahren. Sich mal auf jemanden einlassen, der die Eierstöcke auf den ersten Blick nicht hüpfen lässt, weil er vielleicht doch zu spießig, einfach gestrickt, langweilig oder buckelig erscheint...denn das könnte alles nur Tarnung sein. Ein schwaches Bild, projeziert auf Pergamentpapier, durch das dann zur Belohnung für die Überwindung eigener, vermessener Standards der wahre Prinz dahinter auf  seinem feurigen Ross zu gegebener Zeit hervorbrechen wird. Das zumindest ist die Annahme, die Autoren von Büchern mit schlicht gelogenen Titeln wie "Make Every Man Want You" (Marie Forleo) im Brustton der Überzeugung unters Weibervolk streuen. Aber auch auf den Dating-Portalen im Internet wird immer wieder vehement daran erinnert, dass man besonders als Frau willens sein muss, tiefer zu graben und hinter die Kulissen zu schauen, um verborgene Schätze der Männerwelt zu heben.

Meine Damen: So wird es nicht laufen. Warum sollten tolle Männer sich mit verschrobener Mittelmäßigkeit tarnen, wenn es auf einem Dating-Portal doch auch ihr Ziel sein dürfte, sich möglichst attraktiv zu präsentieren? Wieso sollten sich dort lauter Supermänner auf geheimer Mission tummeln? Die sind schon so, wie ihre Profile: Sie geben sich Namen wie Master666 und posieren dann fürs Foto vor Wasserkochern auf Spitzendeckchen. Oder sie haben ein kluges Profil. Dann sind sie vermutlich auch nicht ganz dumm.

Und wer live bereits nach dem ersten Händeschütteln nach Lahmheit und schlechtem Sex riecht, bei dem wird es keine Überraschungen der spritzigen Art geben. Ich hab's ausprobiert. Ich war sehr gründlich und hatte dank dieses Umstandes am Ende den schlechtesten Sex meines Lebens. Zweimal. Ist schwer zu entscheiden, wer der traurigere von beiden war. Und bevor ich mich sodann aufraffen und von meiner Seite die Abschlussgespräche initiieren konnte, hatten sich beide Kandidaten spontan anderweitig verknallt und mich ihrerseits ohne viel emotionales Trara schriftlich abserviert. Wenn einen dann auch schon die nicht mehr wollen, die man selbst auch nicht gewollt hätte, wird es langsam kritisch. ; ) Man kann die Nase rümpfen und sich lustig machen so viel wie man will - Tatsache ist, dass man den betulichen Langweilern mit ihren behaarten Rücken, ihren kurzen Schwänzen sowie ihrer Humorlosigkeit nicht gut genug war.



Fette, geile Weiber (tanzend)

Etwas, was ich früher (also vor dem Einstig ins Online-Dating) noch nie hatte, ist ein kleines (sehr dünnes und auch nur symbolisches) schwarzes Büchlein mit Nummern von Männern, die man als Single-Frau im Notfall anrufen kann. Also, im Prinzip Typen, mit denen man ehrlich nicht zusammen passt, sich aber aus unbestimmten Gründen gut genug versteht, um locker in Kontakt zu bleiben. Da meldet man sich dann einfach mal, wenn man  z.B. jemanden braucht, der mit einem auf eine Ü100-Party geht. So wie ich gestern Abend. "Oh ja, lass uns fette, geile Weiber angucken gehen!" freute sich Richard durchs Telefon. Natürlich nur, um mich mal wieder zu ärgern.

Richard, mit seiner Vorliebe für Fülle aber ohne Ü100-Erfahrung (h65tttttttttttttttttttttttttttttt - geheime Botschaft vom Kater), hatte mich seinerzeit dazu bewegen wollen, im fleischfarbenen Oma-Hüfthalter und mit hohen Stiefeln durch sein Wohnzimmer zu stöckeln. Nun ist es nicht so, dass ich nicht bei Gelegenheit dazu bereit wäre, etwas Bestimmtes anzuziehen, wenn es meinen Partner scharf macht. Nur muss man dafür auch mein Partner sein. Und warum kann man mit mir noch einmal keine Beziehung haben, Richard? - "Du würdest mich einfach fertigmachen. Du bist so ein unglaublich anstrengendes und resolutes Menschenkind." - Ach ja, das war es... Und dann machte sich Richard am Rande des Tanzbodens doch tatsächlich an die einzige dünne Dame heran, die da herumstand, bis ich ihm sein Jacket entgegen schleuderte und sagte: "Ab nach Hause!" 

Eigentlich hatte ich über die Party schreiben wollen. Aber es gibt nicht viel zu erzählen. Wenig Publikum, viele freie Sitzplätze, Leere auf der Tanzfläche. Um halb zwölf warteten die Taxis auf Fahrgäste vor der Tür. Und Richard sagte, als wir gingen: "Von all den Frauen, die ich heute hier gesehen habe, haben allenfalls zwei oder drei den Eindruck gemacht, dass sie sich in ihren Körpern richtig wohl fühlen und sich nicht verstecken wollen." Und ich glaube, er hatte recht. Traurig irgendwie, aber so war es.

Barhocken

Wohlgemerkt und das letzte Mal verkündet, für alle, die es noch einmal hören wollen/sollen: Sex zu bekommen, ist für dicke Frauen kein Problem im Internet, wo Leute mit spezifischen Vorlieben gehäuft und konzentriert auf einen zusteuern.

Auf freier Wildbahn sah und sieht das anders aus. Da will mich so, wie ich bin, offenbar weiterhin keiner. Für gar nichts. Ich habe auch dieses schon öfter gesagt, ich sage es noch einmal: Nichts macht einen so auffällig und gleichzeitig so unsichtbar wie Fett.

Meine grundsätzliche Annahme/Erfahrung ist nach wie vor diese: Desexualisiert und entfraut durch sein Fett muss man sich keine Sorgen um plumpe Abschleppversuche machen. Man kann den ganzen Abend in Ruhe in der Öffentlichkeit herumlungern, ohne dass einem jeMANNd zu nahe kommt. Selbst dann nicht, wenn man sich strategisch und äußerlich aufgerüstet im passenden Rahmen, also in einer nächtlichen Barlandschaft platziert. Dafür muss man dann aber auch alle Martinis selbst bezahlen. Und das kann teuer werden.

Und obgleich die Männerjagd nun vorzeitig auf Eis gelegt worden ist, werde ich dieses Experiment auf jeden Fall noch einmal machen. Ich werde mich in die Bar begeben. Noch ist nicht ganz klar, wann. Aber es wird so kommen. Denn womöglich ist mit meiner neuen Einstellung zu mir selbst ja alles anders. Vielleicht war es ja meine Säuerlichkeit als Dicke und nicht mein Fett, die mir die Männer in dicken Zeiten stets effektiver vom Leib gehalten hat, als Pockennarben oder Schwefeldünste. Wäre ja mal nett, das wenigstens zu wissen.

NH