Montag, 21. April 2014

Strandkörper!

Man denkt nicht viel und trödelt so am Computer herum - und dann plötzlich: Post vom Detlef (D!)*. Pünktlich am Ostermontag. Mit erstaunlichem Inhalt. Denn der Detlef (D!) kennt seine willensschwachen, schwabbeligen Pappenheimer schon sehr genau - schließlich sind sie ja auch seine Brötchengeber: "Fühlst du dich (...) träge nach der Osterschlemmerei?"

...Gut, das tue ich persönlich jetzt tatsächlich nicht. Ich fühle mich ganz normal. Mein Körper hatte über die Feiertage schlicht nicht das Bedürfnis, sich sozusagen vorsorglich mit vermeintlich "Verbotenem" vollzustopfen, weil die nächste Hungerkur (bzw. der Detlef (D!)) schon hinter der nächsten Ecke lauert. Das kommt daher, dass ich nun doch versuche, trotz weniger Kohlenhydraten noch immer halbwegs intuitiv zu essen und möglichst wenig zu "verbieten".

Denn wenn irgendwer hingegen noch immer glaubt, man könne gefahrlos und ohne Jojo-Effekt eine Diät machen, und diese dann eines Tages problemlos auch wieder beenden, sollte er sich wirklich mal mit dem Detlef (D!) unterhalten. Der weiß es besser. Muss er ja auch, denn er vertreibt schließlich ein Diät-Programm, und lebt, wie alle anderen Anbieter, davon, dass das mit dem Aufhören eben nicht klappt. Was ihn jedoch hervorzuheben scheint, ist die Art, auf die er das eingebaute Versagen seines Verkaufsschlagers zur expliziten Werbebotschaft gemacht hat. Nach "BodyChange" folgt konsequenterweise "BodyChange NEXT". Damit kann man "nach einer Pause wieder durchstarten". Oder sein "Gewicht dauerhaft halten".

Zwar schiebt er die Schuld für das Versagen seines Produktes ganz klar dem Kunden in die Schuhe, denn was soll er sonst auch tun, aber versichert uns sogleich, dass man "kein schlechtes Gewissen" zu haben braucht. Schließlich nützt es ja auch niemandem, und am allerwenigsten dem Detlef (D!), wenn man im Ärger zurückblickt - auf ein Programm, das so komplex und gleichzeitig beliebig ist, dass es ohnehin kaum einer durchziehen wird (bis auf den Josef aus dem Werbevideo natürlich), und auf das Geld, das man mal wieder für Diätquatsch zum Fenster hinausgeschmissen hat.

Nein, nein, nein - immer munter voran: Die "Mission Beachbody" beginnt heute, und für 12,90 Euro im Monat hilft einem der Detlef (D!) dabei, endlich sexy!, sexy!, sexy! zu werden - mit so revolutionären Mitteln wie Kochrezepten, Turnanleitungen und aufmunternden Kalendersprüchen, sowie einer Internet-Selbsthilfegruppe (Forum). Bei wem das die ersten einhundert Male nichts gebracht hat - diesmal wird alles anders sein (!). Man muss sich nur "jetzt für einen neuen Lifestyle" entscheiden. Huch, das hätte ja von meinem Hausarzt kommen können... Dauerhafter Erfolg entsteht schließlich nur, wenn man sich "langfristige Ziele setzt!". Übersetzt heißt das: Einmal Diät, immer Diät, bzw. für immer prekär oder gestört-kontrolliert essen. Und wo er recht hat, hat er recht, der Detlef (D!)...

Was nun den Beach Body angeht, so habe ich im Internet ein nur zu einleuchtendes Rezept gefunden, das viel billiger, fröhlicher und gesünder ist:  

1. Hab' einen Körper.

2. Geh' an den Strand.

Die Partnerin vom Josef (dem aus dem BodyChange-Werbevideo) versteigt sich am Ende des Filmchens übrigens noch dazu, zu implizieren, dass sie gar nicht mehr so recht weiß, wie sie ihren Freund eigentlich attraktiv finden konnte, als er noch kein Sixpack hatte. Hm. Mir scheint, mein lieber Josef, da hat jemand womöglich an der komplett falschen Stelle Ballast verloren...

In diesem Sinne - macht euch lieber mal auf und hinterlasst Spuren im Sand.


*Detlef D. Soost

NH

 

Donnerstag, 3. April 2014

Idiotenfund

"Mein Name ist Thomas Grau. Ich bin Idiotenjäger und stets auf dem Weg zum nächsten Idiotenfund."*

 
Niemand - also, zumindest niemand, der noch alle Hühner auf dem Hof hat - käme wohl auf die absurde Idee, einer Person mit dunkler Hautfarbe den Rat zu geben, doch endlich aufzuhören, sich über die sowohl offene als auch unterschwellige Diskriminierung aufgrund besagter Hautfarbe zu beschweren, weil diese Abweichung von in dem jeweiligen Kulturkreis gefühlten Majoritätsnormen ja schließlich nicht die Schuld derer sei, die diskriminieren.

Niemand, der halbwegs bei Vernunft ist, würde einem Menschen mit dunkler Hautfarbe nahelegen, sich diese bleichen zu lassen, um "normal" und damit nicht mehr das Opfer von Diskriminierung zu werden. Obwohl das natürlich sehr wohl geht. Und im Klima eines globalen Schönheitsrassismus, der untrennbar mit der Vorherschaft westlicher Schönheitsideale verknüpft ist, natürlich auch überall geschieht. Um prominente Beispiele zu finden, muss man nicht lange suchen: Auch Beyoncé und Rihanna waren scheinbar nicht immer ganz so blass wie heutzutage. Zudem werden weltweit tausendfach Nasen schmaler operiert, Lippen verkleinert und Schlupflider verändert, damit die Gesichtszüge westlich-kaukasischen Vorbildern gleichen.

Auch würde man wohl kaum jemandem, der von rassistischer Diskriminierung betroffen ist, dazu raten, sich einfach nicht um die feindliche Welt da draußen zu kümmern, und sich stattdessen schlicht selbst zu lieben, weil es dann offenbar egal ist, ob man täglich die öffentliche, mediale Verächtlichmachung und Stigmatisierung der eigenen Person aushalten muss, geringere berufliche Aufstiegschancen hat, etc. Möglicherweise hilft ein dickes Fell, die individuelle Situation besser zu meistern - eine Lösung des Problems an sich ist sie keinesfalls.

JA, ABER FETT...

...ist etwas ganz anderes als Hautfarbe/Geschlecht/Behinderung/sexuelle Orientierung, oder? Am Fettsein ist man ja selber SCHULD. Das ist kein Schicksal, das ist das weithin sichtbare Ergebnis einer FALSCHEN Lebensführung. Wären Dicke nicht so faul, dumm, trotzig, deviant, etc., würden sie sich anpassen. Und abnehmen. Oder sie hätten es gar nicht erst so weit kommen bzw. sich so gehen lassen. Und müssten dann auch nicht rummaulen, dass sie Benachteiligung erfahren.

Sizeism, die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Körpermasse, gilt als die letzte gesellschaftlich noch immer hinreichend und weitgehend akzeptable Art der Selbsterhöhung auf Kosten anderer. Dicken gegenüber darf man sich noch immer klar überlegen fühlen und dieses auch unmissverständlich zum Ausdruck bringen. Es handelt sich einerseits um ästhetische, aber natürlich vor allem um moralische Überlegenheit. Eben aus den oben dargelegten, wenn auch reichlich schattigen Gründen. Wer sich selbst durch sein "Fehlverhalten" über die Grenzen des "Normalen" und "Richtigen" katapultiert, lädt Schuld auf sich. Schädigt gar das Gemeinwesen. Und gehört ermahnt. Am besten pausenlos. Das bringt dann auch das eigene Selbstwertgefühl so richtig ordentlich voran.

Natürlich sind die Gründe für ein hohes Körpergewicht vielfältig. Natürlich sind Körper ohnehin verschieden. Natürlich kann nicht jeder schlank werden, wenn er nur diszipliniert genug ist. Natürlich ist ein besonders hohes Gewicht oftmals gerade das Resultat jahrelanger Diäten, also quasi des verbissenen Kampfes um "Normalität". Aber im Grunde ist das alles vollkommen unerheblich. Denn Dicke schulden niemandem Rechenschaft für ihr Dicksein. Was die Gesellschaft ihnen allerdings schuldet, ist das, was sie allen Menschen aufgrund ihres Menschseins schuldet - Gleichbehandlung und Respekt.

Bei Blog-Posts, in denen es um Diäten oder Sex geht, verdreifacht sich hier regelmäßig die Klickzahl. Insbesondere die Kombination der Stichworte "Vorher" und "Diät" im vorangegangenen Beitrag war in dieser Hinsicht ausgesprochen erfolgreich. Wollte ich dieses Blog zu alter Blüte puschen, müsste ich vermutlich einfach nur wieder von meinem Diät-Alltag erzählen, meine Sit-ups filmen, pfiffige, kalorienarme Snacks erfinden und Graphiken über meinen Gewichtsverlauf erstellen.

Das alles werde ich selbstverständlich nicht tun.

Trotzdem - in einer essgestörten Gesellschaft gehen Diäten immer. Fünfundreißig Prozent aller Diätassistentinnen in Österreich sind ja schon geradewegs auf dem Weg in die Orthorexie**- wäre doch gelacht, wenn das für den Rest der Weltbevölkerung nicht auch zu schaffen ist. Und kaum eine Frau, in der das Thema Ernährung nicht zumindest gedanklich die Missionarin hervorbringt (ich nehme mich hier nicht aus). Denn über RICHTIGE Ernährung wissen wir alle Bescheid. Und unser Gott ist in der Regel größer als all die anderen - insbesondere dann, wenn wir gerade mit irgendeiner hinreichend komplexen Methode ein paar Kilos losgeworden sind.

In einer essgestörten Gesellschaft herumzuerzählen, dass Diäten langfristig dick machen und statistisch sogar die Lebenszeit verkürzen, und dass Ernährungsrichtlinien mitunter schneller veraltet und für die Tonne sind, als wir den Nährwert von Magerquark nachschlagen können***, ist, als ob man sich auf einer Tagung Wiedergeborener Christen dazu aufschwingt, seine Zweifel bezüglich der Wahrscheinlichkeit einer unbefleckten Empfängnis durch ein Megaphon zu brüllen. Die Chancen auf einen Rausschmiss stehen gut. Das ändert jedoch nichts daran: Starre Ernährungsvorschriften sind Religion. Kollektive Gewichtskontrolle ist Religion. Womit wir dann auch geradewegs wieder bei dem Konzept der Schuld wären.

Denn was ist schon Religion ohne Schuld? Was von Dicken gefordert wird, ist selbstverständlich keine Anpassung an eine statistische "Normalität". Die Realität in Deutschland ist, dass die meisten von uns (mehr als die Hälfte) schon längst als "übergewichtig" verbucht werden. Die "Normalität", die durch Missachtung, Anfeindung und Respektlosigkeit erzwungen werden soll, ist ein kulturelles, ideologisches Ideal****. Es ist, um genau zu sein, Fiktion. So wie die unbefleckte Empfängnis halt. Und dient zur moralischen Selbsterhöhung. So wie Scripted Reality im Nachmittagsfernsehen.

Körperfett hat nichts, aber auch nichts mit Moral zu tun.

Soviel dazu.

NH


*Google Werbespot. Herr Grau jagt eigentlich "Meteoriten", aber jeder versteht nur "Idioten".
**Orthorexie ist der krankhafte Zwang, sich "gesund" zu ernähren, wobei die selbstgesteckten Regeln immer strenger werden. Ich beziehe mich hier auf eine Studie von Wissenschaftlern der der Universität Innsbruck und der Medizinischen Universität Wien, veröffentlicht in der Ernährungs-Umschau 52 (2005) Heft 11 S. 436-439
***z.B. Rajiv Chowdhury (Cambridge University) et. al. - Studie zum Einfluss von tierischen Fetten auf die Herzgesundheit (vor wenigen Tagen veröffentlicht)
****Joyce L. Huff "Access to the Sky" in The Fat Studies Reader (New York University Press, 2009)

Donnerstag, 27. März 2014

Vorher

 

Ich habe dann mal ein klassisches "Vorher"-Foto gemacht. Im verhüllenden Hänger (wenn auch mit Querstreifen) und ohne Make-up. Mit verdammt kleinen, müden Äuglein. Im eigenen Garten, im fahlen Licht des vergangenen Nachmittages. Und ja, das sind Gartenclogs. Es ist eines von diesen Fotos, die ich vor ein paar Monaten nur über meine Leiche veröffentlicht hätte. Es ist ein Foto, das ich selbst noch immer gar nicht so gut aushalten kann. Die Abbildung hat mehrere Ebenen. Zum einen ist es ironischerweise und gezwungenermaßen mal wieder ein klassisches "Vor-der-Diät-Foto". Wobei man natürlich nur einfach den Vorhang ausziehen müsste, um in diesem Fall einen spontanen Abnahmeeffekt zu erzielen. ; )

Ein weiterer Aspekt ist allerdings die Verhüllung, und die Tatsache, dass ich dieser Tage zwar sehr wohl über eine für meine Verhältnisse mutige UND passende Garderobe verfüge, die ich aber noch immer nicht besonders mutig ins Leben und auf die Straße getragen habe. Wie ich auch schon erwähnt habe: Im Schlüpper abgebildet zu werden, fällt mir tatsächlich leichter, als in einem bunten Schlauchkleid. Dabei habe ich im Gespräch mit Theo erst damit angegeben, dass ich heute auch problemlos in Latex einkaufen gehen könnte. Ich will bestimmt nicht, dass er am Ende Recht behält, aber in Wahrheit fühle ich mich in wirklich auffälliger Fatshion noch immer verkleidet. Und irgendwie ausgeliefert. Ein nicht ganz unerheblicher Teil von mir möchte sich im Alltag weiterhin lieber verstecken. Hier meint das "Vorher"-Foto also "vor den neuen Kleidern".

Ich weiß die Tatsache zu schätzen, dass bunte und daher sichtbare dicke Körper eine wichtige Nachricht an die Umwelt senden. Die öffentliche Sichtbarmachung des Fettes ist eine wirksame Strategie, die Akzeptanz dicker Körper zu erhöhen. Meine persönliche Erwartung an Fatshion ist außerdem, dass mein eigenes Selbstbewusstsein als dicke Frau weiter wächst.

Gleichzeitig habe ich ja schon lange nichts mehr übrig für die allgegenwärtige Makeover-Kultur, in der wir leben. Wer sich aus seinem vermeintlich eher unattraktiven Ausganszustand mit mehr oder weniger großem Aufwand erfolgreich herauspellt und sich gängigen Schönheitsstandards so gut wie möglich anpasst, wird in der medialen Aufbereitung oft mit nicht weniger als einer Wiedergeburt belohnt. Und Wiedergeburt steht für ein neues Leben, das ohne die Veränderung nicht möglich wäre. Und das steht natürlich diametral dem gegenüber, was ich für den Kern von Selbstakzeptanz halte - Leben darf eben gerade nicht aufgeschoben werden, bis die Fassade in einen "gesellschaftlich akzeptablen" Zustand gebracht worden ist.

Also: Ich will nicht herkömmlich vorteilhafter aussehen, sondern kühner. Und vielleicht etwas wacher...Und ich werd's euch dann zeigen. Buchstäblich. ; )

NH

Dienstag, 25. März 2014

Die Liebe zur Masse

© candybeach.com 2014
Theo und ich kennen uns bereits ein Weilchen, und ich dachte, er sei ein Fettliebhaber. Darum hatte ich auch schon lange vor, ein Interview für Das Lied der dicken Dame mit ihm zu führen. Gleich am Anfang des folgenden Gespräches stellte sich dann heraus, dass er gar keiner ist…irgendwie. Trotzdem - nichts ist für jemanden, der mit seinem Körper hadert, hilfreicher beim Perspektivenwechsel, als die Wertschätzung eines anderen, dessen Meinung einem wichtig ist und den man ernst nimmt. (Besonders, wenn derjenige 1,90 m groß ist und Oberarme hat wie Mr. Proper. ; )) Achtung: Wer etwas gegen Ausdrücke wie „Titten“ und „Arsch“ sowie  eine gewisse Deutlichkeit bei Gesprächen über Sexualität hat, sollte an diesem Post besser vorbeisurfen.
T(heo): Ich glaube, ich bin eigentlich gar kein ausgesprochener Fettliebhaber. Ich bin eher ein Fettrealist.
N(icola): Was bitte ist denn ein Fettrealist?
T: Fettrealist heißt, dass ich nicht alles was Fett ist in den Himmel lobe, nur weil es Fett ist. Es gibt gutes und…nicht so gutes Fett.
N: Welches Fett ist denn eher unbeliebt bei dir?
T: Na, ich sag mal, der Fettrand am Nackensteak…
N: Au weia.
T: Spaß beiseite. Ich glaube, wenn bei Oberschenkeln das Fett in überlappenden Lagen so ausgeprägt wäre, dass man sich grabenderweise dem Leckerchen nähern müsste, das würde mich eher abstoßen. Aber lass‘ uns das einfach mal positiv formulieren, das ist einfacher und macht den Ausdruck „Fettrealist“ im Verlauf vielleicht klarer. Mann findet halt immer irgendwelche Attribute besser oder schlechter. Ich erfülle ja dieses männliche Klischee und finde große Brüste besser als kleine, einen großen Arsch besser als einen kleinen und außerdem finde ich, dass das Gefühl in der Umarmung besser ist, wenn da mehr ist. Eine gewisse Brustgröße haben Frauen aber in der Regel nicht, wenn sie nicht sehr dick sind und eben auch an anderen Stellen eine entsprechende Körpermasse aufweisen. Es sei denn, es sind fake Titten, und fake Titten sind ja…nicht so schön. Die sehen auch peinlich aus…
N: Falsche Titten? Die findest du peinlich?
T: Ja! Ich finde sie peinlich. Und sie fassen sich zunächst einmal auch ganz schlecht an. Für mich ist die Haptik ja viel wichtiger als die Optik. Darum finde ich hängende Brüste viel besser als stehende, es sei denn natürlich, es sind riesengroße, echte, stehende Brüste…und vielleicht existiert ja so ein Paar auch irgendwo auf der Welt.
N: Da kommt einem halt immer die Schwerkraft ins Gehege.
T: Bei Kunsttitten nicht, die sitzen immer mittig und aufrecht. Aber zurück zum Fettrealisten. Ich habe also eine Vorliebe für besonders voluminöses Frausein. Also die Rubensfrau – in diese Richtung geht es schon. Aber kennst du die Zeichentrickfigur Jessica Rabbit? Die hat auch diese extremen Eigenschaften. Extremer Busen, extremer Arsch, aber dann ebenfalls eine extreme Taille, wie eine Sanduhr. Mit Fettrealist meine ich also in diesem Fall, den persönlichen Kompromiss zu finden. Es ist eine Frage des Gesamtbildes. Und wenn die Brust nicht mehr weiter fällt, als der Bauchumfang, finde ich das nicht mehr attraktiv. Obwohl ich natürlich auch gern in einen weichen, runden Bauch greife.
N: Es gibt also Grenzen, was die Fettfülle angeht?
T: Fett ist bei mir kein Fetisch. Ich erinnere mich da an den Film Feed, in dem es um einen Mann geht, der eine Frau mästet, bis sie nur noch völlig unbeweglich als Fleischberg dahinvegetiert. Das war auf verstörende Weise faszinierend, aber sexuell stimulierend finde ich das nicht.
N: Wie steht es denn mit der Unterwelt von dicken Frauen? Mit fleischigen Schamlippen zum Beispiel?
T: Je dicker die Schamlippe, desto größer die Spannung, was wohl dahinter sein mag!
N: Auch in Zeiten, in denen Frauen sich den Unterleib vom Schönheitschirurgen aufräumen und alles zurechtstutzen lassen?
T: Tun sie das? Ach, doch – davon habe ich auch schon gehört. Aber ich habe es nicht verstanden.
N: Naja, damit das alles übersichtlich und sportlich aussieht.
T: Na, aber es gibt halt viele verschiedene Ausprägungen. Mal sind sie so, und dann wieder so. Und dann so. Und dann hier so. Und dann da so. Oder auch so.
N: Ich habe ja auch eine überlappende Schamlippe…
T: Ja. Dann lass uns doch mal eine Situation konstruieren, in der das relevant sein könnte.
N: Also, was mich ja tatsächlich schon erstaunt, ist die Furchtlosigkeit vor dunklen Winkeln und Ecken, die viele dicke Frauen an ihren Körpern selbst nicht so genau kennen, bzw. mitunter regelrecht vermeiden, schon. Ich hatte mir z.B. jahrelang die Innenseite meiner Oberschenkel nicht mehr so richtig angesehen, bevor ich mit meinem Selbstakzeptanz-Projekt anfing.
T: Ja, und das ist nicht deine Zuckerseite, das wissen wir beide.
N: Erzähl‘ mal etwas, über das Gefühl, unter einer dicken Frau zu liegen.
T: Ich glaube, unter ist noch geiler als über, weil man voll umfasst ist, von allem. Man hat die Hände auf dem Hintern, wenn man möchte und man kann gleichzeitig im Tittenmeer ertrinken. Eigentlich ist das für mich die ideale Stellung. Oben ist aber auch gut, weil man alles so schön im Blick hat.
N: Wie ist das mit all den vermeintlichen Makeln, die das Selbstbewusstsein von Frauen so stark beeinflussen können? Streifen, Wellen, Dellen? Stört dich das gar nicht?
T: Wenn sie nicht da wären, wäre es besser. Aber sie stören mich auch nicht. Sie sind nicht im Fokus der Wahrnehmung, denn die Brüste und der Hintern sind zu groß und zu prächtig. Und womöglich in Bewegung. Und wenn man dann nur noch die Hand auszustrecken braucht, um sie anzufassen, wen sollen in dem Zusammenhang – was war das? –  Streifen, Wellen und Dellen interessieren? Wellen und Dellen klingt unterhaltsam. Wie ein Fahrgeschäft auf dem Dom.
N: Wie ist es mit angezogenen dicken Frauen? Gibt es etwas, das sie besser nicht tragen sollten?
T: Ich finde, dicke Frauen sollten nicht in Leggings herumlaufen. Wenn sie schon ein Statement machen wollen, dann sollten sie in Latex das Haus verlassen.
N: Ich würde das ja heutzutage fertigkriegen.
T: Das glaube ich nicht. Du gehst nicht so über die Mönkebergstraße und kaufst bei Karstadt ein.
N: Doch, das mach‘ ich.
T: Sag‘ mir wann und wo. Ich halte die Kamera…Besser noch als Latex, wäre ja Körperfarbe.
N: In Körperfarbe gibt’s mich schon im Internet.
T: Aber nicht, wie du so durch die Fußgängerzone läufst.  Da hätten wir doch mal eine Aktion – einen Auflauf von lauter stolzen, dicken Frauen in Körperfarbe. Das wäre Femen, Teil 2!
N: Was symbolisiert weibliches Fett?
T: Ich würde eher sagen „Was symbolisiert Weiblichkeit? Fett.“
N: Oh!
T: Das beantwortet jetzt vielleicht nicht die Frage, aber meine Antwort finde ich viel geiler als deine Frage…Na schön. Fett ist weich. Fett ist Geborgenheit. Fett ist warm. Fett ist Energie. Fett ist Sicherheit. Dicke Frauen haben ja oft fast etwas Mütterliches. Sie sind keine Bedrohung, sondern können Bedrohungen abwehren – einfach mit ihrer Präsenz.
N: Hattest du schon immer eine Vorliebe für runde Frauen, oder gab es einen bestimmten Auslöser?
T: Da muss ich mal zurückblättern in meiner Liebschaftsgeschichte. Meine Partnerinnen waren tatsächlich alle sehr unterschiedlich. Ich hatte Freundinnen, die gängigen Schönheitsstandards durchaus entsprachen. Und es waren auch sehr dicke Frauen dabei, aber ich glaube, und das ist die Kernbotschaft hier, dass nicht ständig irgendwelche Schubladen aufgerissen werden sollten. Ihr (Frauen) guckt vielleicht auf eure Einzelteile und seid verunsichert, aber „er“ sieht zunächst das Ganze. Und dann guckt er ohnehin auf seine Favorites.
N: Na, ich weiß nicht, ob der Blick überall so freundlich ist. Erkläre es mir noch einmal – warum bleibst du da, wo andere, im übertragenen Sinne, schreiend raus rennen? Dem Druck gesellschaftlicher Normen folgend, oder aus welchem Grund auch immer.
T: Weil ich eine Frau holistisch wahrnehme. Und übrigens auch als Person. Frauen ziehen ihr Selbstbewusstsein oft ganz extrem aus ihrem Äußeren. Das ist nicht wirklich klug, denn damit setzen sie dann natürlich von Anfang an auf ein sterbendes Pferd.
NH