Samstag, 18. Oktober 2014

Follow me around 9: Das Ende der Jagd

Schmetterlingsnetz 1

Betrachten wir das Experiment hiermit als abgeschlossen.

Seit ich auf Online-Dating-Plattformen nach nichts außer einer festen Partnerschaft suche, wird es, wie bereits berichtet, ausgesprochen zäh. In meinem Postkasten im biederen Dating Cafe herrschte gähnende Leere - bis gestern, weil da nämlich der letzte Tag meiner Mitgliedschaft war. Eigenartig, wie das Geschäft auf diesen Seiten immer kurz vor Ladenschluss so überdeutlich anzieht.

Bei Neu.de schaue ich gar nicht mehr rein. Das Publikum ist schlicht zu deprimierend und in vielerlei Hinsicht zu alt, obwohl die Mitgliedschaft dort noch für ein knappes Jahr bezahlt ist. Bei Zoosk ist eine Menge los. Wer fortgesetzt Bewegung und eine große Auswahl will, dem würde ich diese Partnerbörse durchaus empfehlen. Aber für mich war dort auch nach einem Monat Schluss. Ich bin zu schlapp, um die Schlechten immer weiter ins Kröpfchen zu sortieren, wenn es vor den Augen bereits nur noch flimmert.

Ich hätte zu gern noch einmal gewusst, wie echte (Ver)bindung geht, bevor ich alt und grau werde. Aber sei es drum. Einer könnte mich retten. Wenn er wollte. Will er nicht. Ich könnte ihn im Gegenzug auch ein bisschen retten. Wenn er wollte. Will er nicht. Ich gehe neuerdings immer mit Wärmflasche ins Bett. Kein Scherz - die wärmt meine Seele und meine zerlöcherte Mitte, und das ohne Wenn und Aber.

Schmetterlingsnetz 2

Dating down*

Sex ohne alles hingegen wäre noch immer kein Problem. Wenn man ihn noch wollte. Ich will ihn, glaube ich, nicht, obwohl ich eigentlich ein wenig Rehabilitation auf dem Gebiet gebrauchen könnte...

Es war eigentlich immer eine meiner Grundregeln, und dennoch habe mich zuletzt dämlicherweise selbst nicht daran gehalten: Es ist eine ganz schlechte Idee, die eigenen Erwartungen bei der Partnersuche der Qualität des aktuellen Angebots anzupassen. Andere mögen es Oberflächlichkeit nennen, ich nenne es Bauchgefühl. Und damit ist nicht zu spaßen.

Natürlich ist da aber auch der einfältige Rat, den jede berufene Stelle gerne gibt: Ansprüche zurückfahren. Sich mal auf jemanden einlassen, der die Eierstöcke auf den ersten Blick nicht hüpfen lässt, weil er vielleicht doch zu spießig, einfach gestrickt, langweilig oder buckelig erscheint...denn das könnte alles nur Tarnung sein. Ein schwaches Bild, projeziert auf Pergamentpapier, durch das dann zur Belohnung für die Überwindung eigener, vermessener Standards der wahre Prinz dahinter auf  seinem feurigen Ross zu gegebener Zeit hervorbrechen wird. Das zumindest ist die Annahme, die Autoren von Büchern mit schlicht gelogenen Titeln wie "Make Every Man Want You" (Marie Forleo) im Brustton der Überzeugung unters Weibervolk streuen. Aber auch auf den Dating-Portalen im Internet wird immer wieder vehement daran erinnert, dass man besonders als Frau willens sein muss, tiefer zu graben und hinter die Kulissen zu schauen, um verborgene Schätze der Männerwelt zu heben.

Meine Damen: So wird es nicht laufen. Warum sollten tolle Männer sich mit verschrobener Mittelmäßigkeit tarnen, wenn es auf einem Dating-Portal doch auch ihr Ziel sein dürfte, sich möglichst attraktiv zu präsentieren? Wieso sollten sich dort lauter Supermänner auf geheimer Mission tummeln? Die sind schon so, wie ihre Profile: Sie geben sich Namen wie Master666 und posieren dann fürs Foto vor Wasserkochern auf Spitzendeckchen. Oder sie haben ein kluges Profil. Dann sind sie vermutlich auch nicht ganz dumm.

Und wer live bereits nach dem ersten Händeschütteln nach Lahmheit und schlechtem Sex riecht, bei dem wird es keine Überraschungen der spritzigen Art geben. Ich hab's ausprobiert. Ich war sehr gründlich und hatte dank dieses Umstandes am Ende den schlechtesten Sex meines Lebens. Zweimal. Ist schwer zu entscheiden, wer der traurigere von beiden war. Und bevor ich mich sodann aufraffen und von meiner Seite die Abschlussgespräche initiieren konnte, hatten sich beide Kandidaten spontan anderweitig verknallt und mich ihrerseits ohne viel emotionales Trara schriftlich abserviert. Wenn einen dann auch schon die nicht mehr wollen, die man selbst auch nicht gewollt hätte, wird es langsam kritisch. ; ) Man kann die Nase rümpfen und sich lustig machen so viel wie man will - Tatsache ist, dass man den betulichen Langweilern mit ihren behaarten Rücken, ihren kurzen Schwänzen sowie ihrer Humorlosigkeit nicht gut genug war.



Fette, geile Weiber (tanzend)

Etwas, was ich früher (also vor dem Einstig ins Online-Dating) noch nie hatte, ist ein kleines (sehr dünnes und auch nur symbolisches) schwarzes Büchlein mit Nummern von Männern, die man als Single-Frau im Notfall anrufen kann. Also, im Prinzip Typen, mit denen man ehrlich nicht zusammen passt, sich aber aus unbestimmten Gründen gut genug versteht, um locker in Kontakt zu bleiben. Da meldet man sich dann einfach mal, wenn man  z.B. jemanden braucht, der mit einem auf eine Ü100-Party geht. So wie ich gestern Abend. "Oh ja, lass uns fette, geile Weiber angucken gehen!" freute sich Richard durchs Telefon. Natürlich nur, um mich mal wieder zu ärgern.

Richard, mit seiner Vorliebe für Fülle aber ohne Ü100-Erfahrung (h65tttttttttttttttttttttttttttttt - geheime Botschaft vom Kater), hatte mich seinerzeit dazu bewegen wollen, im fleischfarbenen Oma-Hüfthalter und mit hohen Stiefeln durch sein Wohnzimmer zu stöckeln. Nun ist es nicht so, dass ich nicht bei Gelegenheit dazu bereit wäre, etwas Bestimmtes anzuziehen, wenn es meinen Partner scharf macht. Nur muss man dafür auch mein Partner sein. Und warum kann man mit mir noch einmal keine Beziehung haben, Richard? - "Du würdest mich einfach fertigmachen. Du bist so ein unglaublich anstrengendes und resolutes Menschenkind." - Ach ja, das war es... Und dann machte sich Richard am Rande des Tanzbodens doch tatsächlich an die einzige dünne Dame heran, die da herumstand, bis ich ihm sein Jacket entgegen schleuderte und sagte: "Ab nach Hause!" 

Eigentlich hatte ich über die Party schreiben wollen. Aber es gibt nicht viel zu erzählen. Wenig Publikum, viele freie Sitzplätze, Leere auf der Tanzfläche. Um halb zwölf warteten die Taxis auf Fahrgäste vor der Tür. Und Richard sagte, als wir gingen: "Von all den Frauen, die ich heute hier gesehen habe, haben allenfalls zwei oder drei den Eindruck gemacht, dass sie sich in ihren Körpern richtig wohl fühlen und sich nicht verstecken wollen." Und ich glaube, er hatte recht. Traurig irgendwie, aber so war es.

Barhocken

Wohlgemerkt und das letzte Mal verkündet, für alle, die es noch einmal hören wollen/sollen: Sex zu bekommen, ist für dicke Frauen kein Problem im Internet, wo Leute mit spezifischen Vorlieben gehäuft und konzentriert auf einen zusteuern.

Auf freier Wildbahn sah und sieht das anders aus. Da will mich so, wie ich bin, offenbar weiterhin keiner. Für gar nichts. Ich habe auch dieses schon öfter gesagt, ich sage es noch einmal: Nichts macht einen so auffällig und gleichzeitig so unsichtbar wie Fett.

Meine grundsätzliche Annahme/Erfahrung ist nach wie vor diese: Desexualisiert und entfraut durch sein Fett muss man sich keine Sorgen um plumpe Abschleppversuche machen. Man kann den ganzen Abend in Ruhe in der Öffentlichkeit herumlungern, ohne dass einem jeMANNd zu nahe kommt. Selbst dann nicht, wenn man sich strategisch und äußerlich aufgerüstet im passenden Rahmen, also in einer nächtlichen Barlandschaft platziert. Dafür muss man dann aber auch alle Martinis selbst bezahlen. Und das kann teuer werden.

Und obgleich die Männerjagd nun vorzeitig auf Eis gelegt worden ist, werde ich dieses Experiment auf jeden Fall noch einmal machen. Ich werde mich in die Bar begeben. Noch ist nicht ganz klar, wann. Aber es wird so kommen. Denn womöglich ist mit meiner neuen Einstellung zu mir selbst ja alles anders. Vielleicht war es ja meine Säuerlichkeit als Dicke und nicht mein Fett, die mir die Männer in dicken Zeiten stets effektiver vom Leib gehalten hat, als Pockennarben oder Schwefeldünste. Wäre ja mal nett, das wenigstens zu wissen.

NH

Sonntag, 5. Oktober 2014

Follow me around 8: Mittendrin



Ich guckte eines Tages von oben auf meinen Bauch und stellte fest, dass er dieser Tage wie ein Spitzkohl aussieht. Also, wie gesagt - nur von oben jetzt. Ich habe eine punktuelle, ziemlich harte Ausstülpung oberhalb des Nabels, die entnervend in die Welt zeigt. Wenn ich mich setze oder liege, verschwindet sie. Das war offenbar  auch das Problem von zwei Ärzten, die es in den letzten Wochen mit meiner verbeulten Mitte zu tun bekommen hatten. "Legen Sie sich mal hin", hatte es schlicht nicht gebracht. Denn das, was man im Stehen hätte ertasten können, verschwand beim Liegen schlicht wieder durch ein Loch in seine Höhle. Meine Bauchhöhle, um genau zu sein. Die Darmschlingen, die sich durch meine Bauchdecke schlängeln, bzw. herauskippen, wenn ich stehe, sind offenbar wie flinke, listige Tierchen.

Ich wusste, irgendetwas stimmt nicht. Aber zwei Ärzte hatten mir gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Ich spürte die Beule, die ein wenig hin- und herwaberte, aber beim Stehen und gehen immer da war. Trotzdem dauerte es sage und schreibe bis gestern Abend, bis mich endlich so etwas wie Panik ergriff. Ich stand in der Küche und bekam keine Luft mehr. Dann wurde mir regelrecht blümerant. Mein Bauch fühlte sich an wie ein Korsett. Ich hasste, hasste, hasste ihn mit seinem unberechenbaren und aufdringlichen Inhalt und die Tatsache, dass er mich nun doch dazu zwang, mich ernsthaft mit ihm zu befassen. Vor meinem inneren Augen tanzten Bilder von Tumoren, die sich mit rasender Geschwindigkeit zu Globusgröße entwickeln und mich und mein Leben sprengen würden...

Zwar brachten mich eine Beruhigungstablette und etwas Recherche im Internet langsam wieder auf den Teppich, denn ich ich hatte einen Anfangsverdacht und dann nach ein paar Minuten fast so etwas wie eine Bestätigung desselben: Nabelbruch. Davon stirbt man nicht. Das sollte man nur irgendwann mal operieren lassen.

Aber sicher war ich mir natürlich erst, als ich heute in eine Notfallpraxis im Krankenhaus am Ort ging, und dem Arzt dort meinen nackten Bauch strategisch in aufrechter Position präsentierte. Der sagte: "Ja, das ist es. Man kann auch die Bruchöffnung fühlen." Dann schrieb er mir auf, bei welchem Professor er an meiner Stelle das Loch in der nächsten Zeit mal flicken lassen würde. (Jetzt hoffen wir mal, er und ich haben uns diagnostisch nicht total vertan.)

Zu viel Druck

Meine Mitte ist entzwei. Die Balance ist flöten, alles läuft in diesem Jahr noch etwas mehr aus dem Ruder als sonst, und ich werde offensichtlich und buchstäblich langsam dünnhäutiger, statt resilienter. Der Körper steckt nicht mehr weg, sondern serviert einem ein Projekt nach dem nächsten. Erst Haut, dann Zucker und jetzt ein Loch im Bauch. Ich weiß die umwerfende Symbolik zu schätzen. Aber ich habe keine Zeit, krank zu sein. Und ganz ehrlich: Es war beleibe nicht notwendig, mir jetzt abermals zu erklären, dass ich meine Mitte finden und mehr respektieren soll. Das weiß ich tatsächlich alles schon. Allein, ich kenne den Weg zu meiner Mitte nicht so recht.

Kram

Und  weil das so ist, habe ich, auch an diesem Wochenende, mal wieder begonnen zu graben. Im wahrsten Sinne des Wortes und in meiner persönlichen Geschichte zugleich. Denn mein nächster Lebensraum ist noch immer ein Ich-Museum ungeahnter Fülle. Vorgestern habe ich säckeweise alte Fotos und Dias fortgeworfen. Dann tatsächlich Bücher. Schwupps - in den Müll damit. Ich habe keine Zeit mehr, lange nach Abnehmern zu suchen. Ich muss die Organisation und Vereinfachung des Alltags endlich schaffen, um die Hände für Freude und Balance überhaupt frei zu haben.

Dass Kram einen erstickt und daran hindert, frei zu leben und sich nicht dauernd mit bombastischen Nebensächlichkeiten abzuplagen, ist klar. Wenn man an seine Lieblingsdinge nicht rankommt, oder Sachen nicht wegräumen kann, oder sich überall in der Wohnung kleine Horrorecken bilden, dann saugt das Energie und macht mich persönlich auch schon lebenslang fahrig und unzufrieden. Ich kämpfe gegen die Flut der Dinge solange ich denken kann. Auch bereits als Kind, als die ersten Bücherkisten in der Keller mussten, weil das Kinderzimmer zu klein wurde. Allerdings sind die Rückschläge schwer und die Energie und Konsequenz selten ausreichend. Einer meiner besonderen Feinde ist ja Kabelsalat. Das wird sich jetzt ändern. Alle Kabel werden demnächst zusammengerafft und BESCHRIFTET. Diesmal soll alles anders werden. Endgültig.

Im Bad habe ich eine Schachtel gefunden, in der sich alte Kosmetika von meiner Mutter befinden. Dass diese bisher nicht geöffnet worden ist, hat bestimmt seine Gründe. Es war halt noch nicht Zeit. Und ich habe gelernt, zu akzeptieren, dass das Loslassen auch fünf Jahre später noch immer nicht komplett stattgefunden hat.* Die Existenz der inzwischen brüchigen Nivea-Creme in meinem Haushalt ist ein hervorragendes und vermutlich sogar ziemlich drastisches Beispiel für "emotional clutter". Das meiste, was wir haben, obwohl es keinen klaren Zweck erfüllt und eigentlich nur immer im Weg herumliegt, dürfte in diese Kategorie fallen. Fotos von Leuten, die meine Eltern (aber ich nicht) kannten. Bücher mit Widmung (an meinen Vater), die ich bestimmt nie lesen werde. Steine. Federn. Muscheln. Postkarten. Skizzenblöcke von meiner Mutter. CDs von Ex-Freunden mit Musik, dich ich nie so recht leiden konnte. Die Stühle aus dem Esszimmer meiner Kindheit, die ich immer mal aufarbeiten lassen wollte. Material für Kunstprojekte, die einfach nicht passieren. Und wer weiß, ob jemals.

Inzwischen gibt es ja massenhaft professionelle Hilfsangebote, um sein Leben auszumisten und sich von Ballast zu befreien. Vollgestopfte Häuser sind nichts ungewöhnliches. Das steht fest. Längst befasst sich auch die Wissenschaft mit dem Haben und Horten.

Wie bei allem, was das Leben besser machen soll, muss man ein wenig aufpassen, dass es nicht zur Ersatzreligion wird. Akribische Selbstorganisation als Selbstzweck ist genauso wenig zielführend wie ein Putzzwang, wenn es schließlich darum geht, sich der Macht der Dinge am Ende des Tages zu entziehen. Wenn sie sich in der weiteren Welt da draußen eigentlich nicht zurechtfinden, hilft es nichts, wenn Menschen in der Abstellkammer auch nicht die kleinste Kleinigkeit mehr dem Zufall überlassen. Obwohl es gelegentlich schon ausgesprochen faszinierend sein kann, sie dabei zu beobachten.

Obendrein kann es leicht dazu kommen, dass bei dem Unternehmen Selbst- und Haushaltsorganisation zunächst einmal noch mehr Kram ins Haus geschleppt wird... ; )





















*Vielleicht vlogge ich mal das Entpacken und Auflösen - als leicht morbide Alternative zum herkömmlichen "Unboxing".

NH


Freitag, 5. September 2014

Follow me around 7: Dame ohne Unterleib



"Das ist ja doch nur alles für deinen Block." Männer werden unerwartet dünnhäutig, wenn sich in ihrem Kopf der Gedanke formt, dass man es nicht ganz so ernst mit ihnen meint, wie sie es für angemessen halten. Wie ernst sie es meinen, ist dabei kein echtes Thema. Und wenn sie eigentlich auch ursprünglich nur ein wenig Telefonsex* wollten, können sie erstaunlich kitschig werden in ihrem Anspruch an die "Aufrichtigkeit" der Gefühle des Gegenübers. Sie wollen nur "ein unkompliziertes, unverbindliches Treffen" und "sich erst mal kurz beschnuppern" und fangen dann an zu zicken, wenn sie erfahren, dass frau erstens vor ihnen auch schon einmal einen Mann getroffen hat, und sich zweitens zu diesem Vorgang auch noch öffentlich Gedanken gemacht hat.

Drittens halten sie mich nach der Analyse des "Blocks" leicht mal für eine Männerheldin, bzw. Schlampe. Was ich ja gern  wäre, wenn ich dann bitte auch die nötige Kaltblütigkeit und gefühlsmäßige Kondition mitgeliefert bekäme, um mich im Land der "ausgeprägten Soziosexualität"** (Cosmopolitan) auf lange Sicht einzurichten. Aber es gibt Dinge, die hat frau, oder sie hat sie eben nicht wirklich.Viertens haben sie es nicht gern, dass ein anderer Mann in meiner Casting Show irgendwann offenbar gut weggekommen ist, weil sie das eifersüchtig macht. Außerdem verdächtigen sie einen in diesem Zusammenhang gern des Mitschleppens von emotionalen "Altlasten". Und die zu haben, ist schlimmer, als ein Emma-Abo. Fünftens regt es sie auf, dass einige andere Männer bei der ganzen Sache wiederum eher keine nennenswerte Spur hinterlassen haben, weil sie Angst haben, dass sie sich in dieser Galerie der verpufften Nieten womöglich in naher Zukunft wiederfinden könnten. Sie wollen nicht bewertet werden und am liebsten auch gar kein Foto schicken, aber stattdessen stichprobenartig mal schnell im Café um die Ecke die "gemeinsamen Interessen" abklopfen. Denn gemeinsame Interessen sind offenbar das Wichtigste für eine Liebesbeziehung. Wenn beide das Akkordeon spielen, kann nicht mehr so viel schief gehen...

Manchmal ist es neuerdings offenbar selbst zu viel verlangt, sich an einem Tisch in einem echten Haus zu treffen, um rasch mal persönliche Eckdaten auszutauschen. Ich hatte in den letzten paar Wochen tatsächlich "völlig unkomplizierte" Dates in Autos. Ja. Ganz genauso wie amerikanische Teenager, die gleich von inzestgeplagten Ödnisbewohnern aus dem Vehikel gezerrt und ermordet werden. Nur ohne Fummelei. Wahrscheinlich sollte frau froh sein, wenn sie nicht während der Fahrt mit wehendem Haar auf- und wieder abspringen muss. Dafür wären wir einmal fast in eine Wand gerollt...war wohl was mit der Handbremse.

Nicht so schlimm (revisited)

Ja, natürlich bin ich selbst schuld. Vieles, dem ich mich als jüngere Frau und vor dem Internet Dating niemals ausgesetzt hätte, gehört jetzt einfach dazu. Damals lief es ja auch nicht so rasant. So viele Kontakte, Telefonunterhaltungen und Verabredungen mit potentiellen Lebenspartnern wie in diesen Wochen hatte ich sonst nicht pro Jahr. Man hängt halt schnell drin. Man hängt halt auch schnell an der Strippe und begreift möglicherweise nach nur ein paar Sätzen, dass man sich SO RICHTIG vertan hat. Aber dann ist es schon zu spät, und die Erfahrung im Kopf.

Expertenvorträge über den weiblichen Orgasmus nach nur 60 Sekunden am Apparat. Jäh beendet durch einen Lachanfall meinerseits. Immer mal wieder Komplimente für mein Aussehen in untrennbarer Kombination mit: "Aber du kommst total arrogant rüber." Ich bezeichne das Phänomen mittlerweile  als "vorauseilende Minderwertigkeitskomplexe". Als jemand anfragte, ob ich für ihn Obst mit meinen Füßen zerquetschen würde, wollte ich wissen, ob das ein geschäftliches Angebot sei. Aber die Klasse, für Dienstleistungen dieser Art auch durchaus bezahlen zu wollen, hatte er natürlich nicht. Ein anderer schlug doch tatsächlich vor, die Rechnung zu teilen, wohl wissend, dass sein Anteil der höhere war. Als ich das ablehnte, bezichtigte er mich des Geizes. Noch einer äußerte sich negativ über meine Berufswahl, weil er vermutete, dass ich nicht genug verdiene. Genug wofür wurde nicht mehr erörtert. Und dann natürlich Bemerkungen über meinen Körperumfang... ACHTUNG - es folgt die wohl älteste Form des selbstgerechten, verdeckten Dickenbashings: "So schlimm isses doch gar nicht (mein Dicksein). Und du hast ein superschönes Gesicht." (Bitte hier gedanklich das Thema von "Psycho" einspielen). Oder: "Du bist nicht dick. Du bist weiblich." Hier hätte man natürlich ein großes Fass aufmachen können. Die Fragen, die durch Dumpfheit dieser Art plötzlich im Raum stehen, könnten und werden mich wahrscheinlich bis ans Ende der Zeit beschäftigen. Sind dünne Frauen womöglich gar nicht weiblich? Wenn nicht, was sind sie dann? Kann dick nicht weiblich sein? Wenn nicht, was sind dann dicke Frauen? Wie dick muss Frau sein, um schlicht dick und nicht mehr weiblich zu sein? Ist "weiblich" in Wahrheit ein neuer Euphemismus für "dick"? Ist "weiblich" dann, so wie "mollig", eigentlich auch nicht besonders gut, aber noch immer besser als "dick"? Als ich Theo zum ersten Mal begegnete, bemerkte er ganz erstaunt: "Du hast ja wirklich echtes Fett." Und freute sich sichtlich. "Das ist doch nicht so schlimm," sagte er bei verlaufenem Make-up und Rasierpickelchen in der Bikinizone. Das sind halt die Unterschiede.

Man könnte im oben beschriebenen Zusammenhang ja auch noch auf eine ganz andere Schiene kommen: Was bestimmt und definiert das Geschlecht einer Person? Hier würde ich gern mein Lieblingsdate der letzten Zeit erwähnen: Ein reizender Mensch, der mir die Wagentür öffnete, in Ermangelung einer Decke sein Hemd auf dem Rasen ausbreitete, damit ich mich im Park darauf setzen konnte, mir ganz viel zu trinken kaufte und die Leute, die uns die Sicht auf die Wasserspiele bei Planten un Blomen verstellten, kurzerhand verscheuchte. Er hatte ein freundliches Gesicht und genug Gehirn, bemühte sich sichtlich und ziemlich erfolglos, mir nicht ins Dekolleté zu starren und hätte womöglich ein glatter Hauptgewinn werden können. Wenn da nicht die Kleinigkeit eines chronischen Testosteronmangels wäre, der dazu führt, dass er sich das Hormon täglich über die Haut zuführen muss. Nicht immer ist die Dosis gleich. Wenn sie hoch ist, fliegt er auf mich. Und hört Hardrock im Auto. Zu hohe Dosen erhöhen allerdings das Krebsrisiko, so dass weniger im Alltag besser ist. Aber dann sinkt auch das Interesse an Brüsten. Und das an der dazugehörigen Frau gleich mit. Hat er mir alles ehrlich erzählt. Im ersten Augenblick sagte ich mir "Nobody is perfect." Aber dann kam eine zweite Stimme hinzu, die gellend schrie: "Jetzt mach' aber mal halblang. Ist dein Leben wirklich noch immer nicht kompliziert genug!!?" Ich sag's jetzt, wie es ist: Ich könnte vielleicht  noch mit sexueller Dysfunktion umgehen. Aber es ist das zumindest gelegentliche Leuchten in den Augen des anderen, wenn er mich ansieht, ohne das ich nicht mehr auskommen kann/will.

Puh.

Ich frage mich, wie man es aushält, das Dating Game jahrelang zu spielen. Und ich wundere mich nicht mehr, warum in so vielen US-amerikanischen Komödien die Erleichterung thematisiert wird, endlich mit dem Zirkus der ritualisierten Partnerbeschaffung fertig zu sein. Oder im Gegenzug das Drama, womöglich wieder auf dem Marktplatz aufzuschlagen, nachdem eine Beziehung in die
Binsen gegangen ist.

Und du! Wie nutzlos ist es, sich aneinander vorbei zu grämen, sollte es so sein. Das Geburtstagsgeschenk liegt hier noch immer eingepackt auf dem Tisch und ich kann es und mich auch offiziell anbieten, weil ich ja bekanntlich keine Krone habe, aus der man noch Zacken brechen kann und mich mein Geschwätz von gestern schon lange nicht mehr interessiert. Ich brauche allerdings schon eine Aufforderung bzw. einen symbolischen Hinweis (von mir aus auch im öffentlichen Raum). Am liebsten in Grün. Oder was mit Katzen.

*Ich hasse übrigens Telefonsex. 

Er langweilt mich zu Tode.

In meiner Kapazität als Kussbudeninhaberin (Meine Profilnamen sind TheKissingBooth und ThePhoneBooth) bei LiveJasmin.com habe ich nunmehr auch gelernt, wie es sich anfühlt, wenn die Zeit steht wie das faulige Wasser in einem Tümpel, während man darauf wartet, dass ein Kunde sich endlich erfolgreich einen runterholt, während man seinen bloßen Busen in die Kamera hält. Auf dem Bildschirm hatte sich unten rechts vorher ein weiteres Fenster geöffnet, in dem der Kunde in diesem Fall auf eigenen Wunsch zu sehen war. Also, sein Schwanz war zu sehen. Ein Schwanz aus der Lüneburger Heide, der einfach nicht zum Ende kam.

Eigentlich hätte ich mich darüber nicht ärgern sollen, weil ich schließlich für jede Minute, die ins Land ging, bezahlt wurde. Aber obwohl ich mich auch dieser Erfahrung um des Erkenntnisgewinnes willen freiwillig (wenn auch im Widerspruch zu meiner ursprünglichen Planung - ich hatte eigentlich nur gegen Bezahlung chatten und flirten wollen) ausgesetzt hatte, machte mich der Gedanke daran, wie herabsetzend es wohl erst sein muss, sich und seinen Körper tatsächlich greifbar zur Verfügung zu stellen, um Geld zu verdienen, nichts anderes als wütend und im wahrsten Sinne des Wortes betroffen.

Dabei kann ich nicht einmal sagen, dass meine Kunden an jenem Nachmittag menschlich unangenehm gewesen wären. Insbesondere der letzte war ein äußerst freundlicher Amerikaner, der mir elegante Komplimente machte und sich nach seinem Höhepunkt ausgiebig bedankte. Als ich ihm sagte, dass ich das erste Mal vor der Webcam arbeitete, versicherte er mir: "You're gonna do very well."***

"Steh' mal auf und dreh dich!"; "Zeig mal deine Unterhose!"; "Kannst du dir Wasser über das Hemd schütten?"; "Kannst du dir an die Pussy fassen, und den Finger nah an die Kamera halten?"; "Kannst du an deinen Nippeln lecken?"... Wohlgemerkt - all diese Bestellungen sind harmlos gegen das, was von einem Camgirl in einer normalen Hardcore-Kategorie verlangt wird. Ich weiß ehrlich nicht, wie man das aushält. Darum habe ich in einem früheren Post auch von "Knochenarbeit" gesprochen. Das ist das, was Sexarbeit ist. Ich persönlich kann mir schlicht nicht vorstellen, wie man es schafft, sich so weit von der persönlichen, sexuellen Integrität abzuspalten, dass man in der Lage ist, die Grenzen so weit nach innen zu verschieben und sich von Fremden regelmäßig so nah auf die Pelle und die Seele rücken zu lassen. Das hat nichts mit Prüderie zu tun. Das ist eine Frage von Selbstfürsorge. Und wahrscheinlich bin ich doch eine alte Romantikerin.

Verdient habe ich bei meinem Experiment übrigens ca. 15 Dollar pro Stunde.


NH


** Scheinbar nur ein anderer Begriff für "Promiskuität".
***"Du wirst sehr erfolgreich sein."

Sonntag, 17. August 2014

Follow me around 6: Heul-doch-Haul



Mir ist eiskalt.

Darum all die neuen, kuscheligen Schals. Ich habe das drängende Bedürfnis, mich vor weiterer seelischer Auskühlung zu bewahren. Und mir fiel zunächst nichts Besseres ein, als einfache Symbolik in Form von wärmendem Stoff. Zwischendurch hätte man trauernde Wetterfühligkeit nicht vermutet. Rage vielleicht schon. Ich habe heute im Regen mit wildem Eifer meine Büsche beschnitten (ich habe noch die Blätter im BH, um es zu beweisen) und mich dann klitschnass und barfuß mit dem Computer an eine zugige Stelle gesetzt, so als wollte ich unbedingt krank werden. Tatsächlich dachte ich auch bei mir, was sonst immer Eltern sagen: "Du holst dir den Tod." Dann wurde mir klar, dass es sich nicht lohnt, krank zu werden, wenn da ohnehin keiner kommt und Suppe macht. Also, symbolische Suppe.

Ich gebe es zu: Ich will jemanden, der mir warme Suppe bringt. Der sagt, das ist doch alles nicht schlimm. Der sagt, lass mich das mal machen. Der sagt, das ist doch kein Problem. Und der recht hat. Und dann ist auch auf einmal alles gar kein Problem.

Wenn ich es jedoch ganz genau bedenke, hätte ich, lieber noch als Suppe, gern ein Feuer. Ja, das ist es: Ich will jemanden, der ein Feuer für mich macht, und mir Geflügelwürstchen und Auberginenscheiben auf den Grill wirft! Ich will jemanden, der sich sorgt und mich füttert. Mit Neuigkeiten, Erkenntnissen, Freude und Anwesenheit.

Das klingt nicht sehr emanzipiert. Ist es vermutlich auch nicht. Das Bemerkenswerte ist jedoch, dass einen als Frau ohnehin weder ausgeprägte Selbständigkeit noch eingestandene Bedürftigkeit für Männer besonders interessant zu machen scheinen. Es ist mitunter wohl eher doch angepasste Verfügbarkeit, die einen da so richtig nach vorn bringt. Aber weil ich dann eben doch so eine fürchterliche Zicke und Kampfemanze bin, hat natürlich genau die - im Gegensatz zu meiner Bedürftigkeit - ziemlich klar umrissene Grenzen.

Die Schals sind aber auch gut für Fatshion-Gehversuche. Das ist mir bei meiner letzten Bemühung , mich sichtbarer anzuziehen, klar geworden. Ein körperbetontes Kleid trägt sich für mich leichter, wenn ich einen Schal dabei habe. Nicht einmal um den Hals. Sondern einfach in der Hand oder gar in der Tasche.Wenn es ganz schlimm kommt, habe ich eine Schutzhülle dabei. Die Vorstellung hilft mir.

Samstagnacht LIVE

Ich brauche bekanntlich all die Hilfe, die ich kriegen kann. Und jetzt erst recht. Denn ich habe beschlossen, dass ich so bald an keinem Samstagabend mehr allein zu Hause hocken werde. Oder auf der Terrasse meiner bald achtzigjährigen Nachbarin. Eine Freundin sagte mir unlängst: "Man kann bei der Suche nach der Liebe halt nichts erzwingen. Entweder es passiert, oder es passiert nicht." Hat man je etwas Deprimierenderes gehört? ; ) Geduld ist nicht wirklich ein Programm auf meinem Rechner. Akzeptanz noch viel weniger. War es noch nie. Und nun erst recht nicht mehr, denn man wird bekanntlich nicht jünger. Und zumindest meiner Erfahrung nach gibt es in der Tat nichts Gutes, außer man tut es. Klar kann man was tun, und trotzdem oder gerade deshalb in der Hölle landen. Aber wie wahrscheinlich ist das? Ich rede ja immerhin auch nicht von "einfach machen". Ich rede von "machen und denken".

...Und weißt du eigentlich, was mich auch ärgert? Dass wir den Wein nie aufgemacht haben.

Ich werde ab jetzt samstags konsequent ausgehen. Mit männlicher Begleitung oder ohne. Abgesehen vom Internet werde ich mich auch in der Welt verschärft auffindbar machen. Ich werde buchstäblich barhoppen. Ich werde zu Ausstellungseröffnungen gehen.Vielleicht werde ich doch wieder Mitglied im Fitnessstudio. Vielleicht höre ich ganz auf zu essen und gehe stattdessen mal auf eine Single-Städtereise. Womöglich belege ich am Ende auch noch irgendwelche Wochenend-Yogakurse. Und ich gehe wieder zu Ü100-Partys. Ich werde die Männerjagd zum Projekt machen. Und, wie es so meine Art ist, zum semi-wissenschaftlichen Experiment. Was ich im letzten Jahr so unternommen habe, war nur Anlauf. Und ja, während ich das hier schreibe, steht mir schon vor Anstrengung der Schweiß auf der Stirn.

Ach, und übrigens: TheKissingBooth (Meine Kussbude) in der Kategorie "Heißer Flirt" bei LiveJasmin.com öffnet nächsten Dienstag zwischen 16 und 19 Uhr.

NH