Sonntag, 7. Februar 2016

Follow me around 41: Gehn wir ein Stückchen



Ich habe endlich zwei Dinge erledigt, die ich ja schon lange vorhatte: Ich habe mir meine brandneuen High-Tech-Turnschuhe angezogen und bin seit langer Zeit mal wieder (für meine Verhältnisse) zügig durch die Landschaft gegangen. Genau genommen, durch den Hinterwald meiner Kindertage. Außerdem habe ich dabei Selbstgespräche geführt und damit mein allererstes Vlog gefilmt.

Wie alles, was ich hier tue, war es natürlich ein Selbstexperiment und keine sehr ausgeklügelte Produktion (Was kann ich tun, was traue ich mich und wie sehe ich dann eigentlich von außen aus?). Darum wirkt das erste Filmchen auch wieder etwas experimentell. Es ist verwackelt, die Kamera zickt rum, am Ende geht das Licht weg und zwischendrin stockt der Redefluss (es geht übrigens im weitesten Sinne um den vorangegangenen Blogpost), die Stimme wird piepsig, es gibt Wiederholungen und Pausen, und Haare und Gesicht sitzen irgendwie auch nicht (oh, das Kinn, das Kinn). Aber schließlich geht es hier ja nun gerade darum: Selbstakzeptanz. Für mich war es mal wieder eine Übung darin, mich selbst auszuhalten. Und das kann ich eben glücklicherweise immer besser. Ich glaube sogar ganz sicher, dass ich beim nächsten Spaziergang wieder so vor-gehe, weil es mir zu guter Letzt dann auch wirklich Spaß gemacht hat.

Und ja, der Wind im Ton nervt enorm. Den habe ich beim Schneiden gar nicht so wahrgenommen.





© Nicola Hinz 2016

Samstag, 6. Februar 2016

(K)ein bisschen Frieden...

Eine Freundin von mir brachte mir die Februarausgabe von myself  mit, weil sie einen Artikel zum Thema Selbstakzeptanz enthält. Die Freundin weiß, dass das mein großes Thema ist und fand ihn eigentlich auch ganz gut, bis sie meine kugelrunden, entsetzen Augen sah, nachdem ich begonnen hatte, ihn zu überfliegen. Das ist nicht ungewöhnlich - man muss halt Übung darin haben, sich unmittelbar so zu echauffieren wie ich.

Halbherzige, ambivalente und im Grunde total verlogene Aufrufe, sich nicht mehr schönheits- oder wahlweise schlankheitsterrorisieren zu lassen, sind in Frauenmedien weit verbreitet und verdammt in. Immer wenn ich eine Frauenzeitschrift aufschlage, kräuseln sich ja bekanntlich schon in Erwartung haarsträubenden Unfugs meine Fußnägel. Und niemals, wirklich niemals, werde ich eines Besseren belehrt. Dafür werde ich immer enttäuscht. Von der unsolidarischen Biestigkeit der meisten Verfasserinnen.

Bei dem Artikel von Susanne Kaloff handelt es sich um einen triefigen Brief an den eigenen Körper, der insofern ausgesprochen aufschlussreich ist, als dass das lächerliche Pathos, das durch die Zeilen schwingt, mal wieder verrät, wie völlig unmöglich es für Frau Kaloff in Wahrheit ist, ihre verinnerlichten Standards auch nur für einen Augenblick auszusetzen. Sie kann nicht einmal in einer zweiseitigen Kolumne überzeugend so tun, als meine sie es ernst. Dieser Umstand ist übrigens auch normal und prägt so ziemlich jeden schriftlichen Erguss, den ich bisher zum Thema in Frauenmagazinen gelesen habe.

Zwar erwähnt sie zunächst, dass sie in einer familiären Umgebung aufgewachsen ist, in der körperliche Perfektionierung eine absolute Priorität war, und dass sie das bereits als Kind geprägt hat. Als sie mit 15 in einer Diskothek wegen ihres Gewichtes beleidigt worden ist, hat sie das allerdings mit Hilfe ihres "inneren Gurus" weggesteckt, denn der hat sie daran erinnert, "wo (ihre) innere Anmut wirklich wohnt." Tja, gut für sie.

Aber dann das: Jahrzehnte später erst hat sie begriffen, dass man auch innere Schönheit braucht (ja, Schönheitsbullshitbingo Rang 1) - offenbar damit man überhaupt noch etwas hat, wenn die äußere Schönheit im Alter verschwindet ("Wenn die Hülle Risse bekommt"), denn sonst "verzweifelt man beim Blick in den Spiegel". Die Frau Kaloff hat angeblich unlängst beim Betrachten ihrer eigenen Hände geweint. Und das, obwohl sie bereits vor 19 Jahren bei ihrem Körper angefragt hat, ob er und sie nicht "Frieden schließen" wollten. Dass Selbstakzeptanz bei ihr ein offenkundig verdammt langer und ziemlich schleppender Prozess zu sein scheint, mag ich ihr nicht vorhalten. Da weiß ich schließlich genau, wie schwer das ist. Was ich ihr allerdings ehrlich übel nehme, sind Sätze wie dieser: "Ich glaube allerdings nicht, dass Mut dabei hilft, sich selbst zu lieben. Mut hat etwas Aggressives, und diese scheinbar couragierte Haltung kommt mir oft vor wie Zynismus."

Da ist sie wieder, die gute alte Unterstellung, dass man sich SO (dick, alt, faltig, kleinbrüstig, kartoffelnasig) auf gar keinen Fall wirklich wohl fühlen kann. Und wenn man ehrlich zu sich wäre, das wird natürlich insbesondere Dicken täglich um die Ohren gehauen, dann wüsste man auch, dass man sich als zufriedene Dicke nur selbst betrügt und der Welt etwas vorspielt.

Darum setzt die faltige Frau Kaloff auch nicht auf grellen Mut oder Aufbegehren gegen geltende Körpernormen, sondern bei Konfrontierung mit dem eigenen im Grunde unmöglichen, verwitterten Spiegelbild auf "ruhiges Atmen", "softness beneath it all" (Hä?!?) und natürlich auf die Schönheit "unter der Oberfläche", die einem ja angeblich nicht verlustig gehen kann - bis man vielleicht eines Tages dement mit nem Schlüpper auf dem Kopf das Pflegepersonal anpöbelt (Anm. der dicken Dame). Außerdem ist die Frau Kaloff ihrem Körper dankbar, dass er beim Yoga noch so gut mitmacht und hat sich auf ihr Handgelenk das Wort "perfect" eintätowieren lassen, um sich stets daran zu erinnern, dass sie "ein vollkommenes menschliches Wesen" ist, "in der Welt (...), in der alles, was ist und geschieht, okay ist." Nichts, absolut nichts auf dieser Welt ist wichtiger für die Frau Kaloff, als das Aussehen ihres Körpers. Der Körper der Frau Kaloff ist darüber hinaus offenbar ihre Welt. Den Rest der wahren Welt kann sie hier ja wohl kaum meinen, so blöd und vermessen wäre doch wohl keiner, oder? Die Frau Kaloff hat es nicht leicht. "Aber leicht hat's einen", hätte mein Vater jetzt natürlich geantwortet.

So, und nun reden wir mal wirklich über Mut und Selbstakzeptanz:

Mit dem Körper Frieden zu schließen kann man nur gegen den vehementen und glühenden Widerstand der Umwelt - ganz besonders wenn man dick ist. Diese Wahrheit wird gern und aus ersichtlichen Gründen besonders gern von Frauenzeitschriften immer und immer wieder unter den Teppich gekehrt. Die betten das zeitgeistige Thema zwischen Diäten* und Motivationstipps für mehr Sportlichkeit in ihre Blätter ein, weil es halt neuerdings irgendwie dazu gehört, und verbreiten gern das Märchen, dass man sich halt selbst einfach mit ein wenig freundlicheren Augen betrachten und nett zu sich selbst sein solle.Wenn man sich dann noch jeden Freitagabend ein Bad einlässt, eine Duftkerze anzündet und einen Kräutertee aufgießt, um "gut für sich selbst zu sorgen", kann im Prinzip mit dem Frieden im eigenen Körper nicht mehr viel schiefgehen.

In Wahrheit befinde ich mich als dicke Frau nicht mit meinem Körper im Krieg. Sondern mit der Gesellschaft. Ich bin nicht mit einem Selbsthass-Gendefekt auf die Welt gekommen. Ich finde mich nicht von Natur aus die meiste Zeit meines Lebens selbst scheiße. Die Welt hat dafür gesorgt, dass ich und Aber- und Abermillionen von Frauen sich täglich scheiße fühlen, weil sie dick sind. Ich bin nichts Besonderes in meinem Krampf und Kampf. Man würde halt immer denken, dass sich so viele sinnlos und oft zutiefst unglückliche Frauen im Zeitalter der Information leichter mobilisieren ließen, um eben jene Außenwelt sehr viel vehementer in die Pflicht zu nehmen, aber das ist eine andere Sache. Jedoch ganz bestimmt auch eine Frage des Mutes. Des aggressiven.

Noch einmal für alle, die besonders schwer kapieren und damit auch für alle Redakteurinnen von Frauenzeitschriften: Das Problem liegt nicht innen. Das Problem liegt außen. Nur das Individuum hat natürlich das Problem und am Ende das verpfuschte Leben. Und sich selber bis an sein Lebensende auszuhungern und anzupassen, erscheint auf den ersten und zweiten Blick oft als die einfachere Lösung, als eine Existenz als angefeindete und belächelte Rebellin.

Darum braucht wer immer sich in seinem Körper von innen heraus besser fühlen will, so verdammt viel Kraft. UND AUCH MUT! Das ist ganz genau so und nicht anders. Denn das ist letztendlich so, als wollte man unter einem Wasserfall schwimmen lernen. Heißt nicht, dass sich der Versuch nicht trotzdem lohnt. Und wenn ihr etwas Mut gefunden habt, teilt ihn doch bitte mit anderen.


*Auf Seite 141 der selben Ausgabe von myself  wundert sich die Redaktion übrigens darüber "wie glücklich 1200 Kalorien machen können". Wohlgemerkt, auf dem Titel wird großmundig versprochen: "Nie wieder Diät!" Dabei geht es dann um California Cuisine - und das ist eine...Diät.
Man würde sich wünschen, die Redaktion möge ihre eigenen Ratschläge für ein "kreativeres, schlaueres und inspirierteres Gehirn" irgendwann auch endlich einmal selbst beherzigen.


NH

Samstag, 30. Januar 2016

Dicke Frauen erfahren (noch viel) mehr Stigmatisierung als gedacht

In der Februar-Ausgabe des Journal of Health Psychology wird eine Studie veröffentlicht*, die von WissenschaftlerInnen** der Western New England University und der University of Connecticut durchgeführt wurde um festzustellen, wie viel Stigmatisierung dicke Frauen aufgrund ihres Dickseins im Alltag regelmäßig erleben.

Anders als vorangegangene Studien mit ähnlicher Zielsetzung wurden dicke Frauen diesmal nicht nur über ihre Erfahrungen in der Vergangenheit befragt, sondern gebeten, ein Tagebuch darüber zu führen, wie oft sie sich im Verlauf von einer Woche wegen ihres Gewichtes stigmatisiert fühlten. Die Stigmatisierung von Dicken kann im Alltag viele Formen annehmen: Persönliche Beleidigung und Herabsetzung, physische Barrieren (ich berichtete), schlechtere Chancen bei der Jobsuche, etc. Der Einfluss der zumeist negativen Darstellung von Dicken in den Medien und das tägliche Bombardement mit dünnen Schönheitsstandards wurden in der vorliegenden Studie mithin gar nicht erst berücksichtigt.

Die 50 Teilnehmerinnen der Studie waren im Schnitt 38 Jahre alt und hatten einen BMI von 42,5. 40% von ihnen hatten Ehemänner, ein Drittel hatte eine akademische Ausbildung und 90% waren weiß. Sie erhielten eine umfangreiche Liste mit stigmatisierenden Beispielsituationen und sollten jeden Abend notieren, welche davon ihnen am Tag persönlich widerfahren waren.

Das Ergebnis war sehr viel gravierender, als das wissenschaftliche Team im Hinblick auf die Resultate vorheriger Studien erwartet hätte: In der einen Woche registrierten die dicken Frauen 1077 stigmatisierende Vorfälle. Damit hatte jede Frau im Durchschnitt pro Tag drei Begebenheiten notiert. 84%  von ihnen hatten sich mit einer zu engen Welt, also physischen Barrieren wie z.B. Stühlen in Restaurants herumgeschlagen, 74% hatten sich dumme Bemerkungen oder Beleidigungen gefallen lassen müssen (in der Mehrzahl von Bekannten und Familienmitgliedern), 72% waren unangenehm angestarrt worden, aber dafür gaben "nur" 12% an, wegen ihres Dickseins körperlich attackiert worden zu sein (!?!WTF!?!). Je höher der BMI einer Frau, desto gefährdeter war sie, Stigmatisierung zu erleben. Das galt auch für Frauen mit höherem Alter oder mit einer weniger qualifizierten Ausbildung.

Was die AutorInnen der Studie weiterhin untersuchten und herausfanden, bestätigt das, was schon länger als wissenschaftlich gesichert gilt. Der Stress der ständigen Stigmatisierung und Herabsetzung macht Dicke nicht nur nicht dünner, er macht sie kränker. Nicht nur körperlich sondern vor allem und, wenig überraschend, auch psychisch.

Tatsächlich ist eine Schlussfolgerung der Studie, dass Fat-Shaming in all seinen Formen bei den Betroffenen zu einem erhöhten Risiko führt, an Depressionen und Essstörungen zu erkranken. Auch führt Stigmatisierung mitunter dazu, dass Betroffene ihren verhassten Körper in der Tat vernachlässigen und z.B. bei echten Erkrankungen nicht mehr zum Arzt gehen. Darüber hinaus senkt Fat-Shaming deutlich die Freude an/den Mut zu sportlicher Betätigung, und die ist, anders als Abnehmen, vermutlich schon von gesundheitlichem Nutzen.

Stigmatisiert? Ich?

Ich habe ja immer wieder mal gesagt, dass ich mit offener Feindseligkeit was mein Dicksein angeht, eher wenig Erfahrung habe. Das soll nicht heißen, dass ich gar keine Erlebnisse gehabt hätte und diese mir auch heute noch nachhängen. Aber Menschen haben mich nur sehr selten auf freier Wildbahn beleidigt, und wenn sie starren, ist es mir ehrlich nicht bewusst. Wobei ich eigentlich glaube, dass ich es wahrnehmen würde, wenn es so wäre.

Die Hauptaggressoren waren bei mir, wie bei den dicken Frauen der Studie, meine Familie. Meine Eltern, um genau zu sein. Die Liste der täglichen Verletzungen die ich im Verlauf meiner Kindheit und bis ins hohe Erwachsenenalter (meine Mutter starb, als ich 38 war) ausgehalten habe, würde gefühlt einmal um den Erdball reichen.

Heutzutage sind es eher (mehr oder weniger) unbedachte Äußerungen von anderen über ihre Körper, die sie zu dick finden, oder über die Schwierigkeit im Allgemeinen, nicht "zu dick" zu werden, die mir regelmäßig begegnen. Manchmal frage ich mich, ob ich bei solchen Gesprächen gar nicht oder nur nicht als dick gesehen/wahrgenommen werde. Vermutlich hat sich das abfällige Geplapper über den Kampf gegen das Fett so in unsere DNA gefressen, dass es den Mund überall und in jeder Gesellschaft so unreflektiert verlässt wie Spucketröpfchen. In jedem anderen Fall würde es uns wahrscheinlich auffallen, dass wir das Gegenüber gerade so richtig fies überrollen. Wer würde einer Frau im roten Kleid auf einer Party gegenüber stehen und völlig arglos einen langen Vortrag darüber halten, was für eine schreckliche Farbe Rot ist?

Und natürlich ist der sicherste Weg, regelmäßig die aufschlussreiche Erfahrung anonymen Fat-Shamings zu machen, ein Blog für Fettakzeptanz zu betreiben. Oder sich bei einem Online-Dating-Portal anzumelden.


NH

* Erstveröffentlichung war bereits 2014.
**Jason Seacat et. al.

Freitag, 29. Januar 2016

Follow me around 40: Note to self

Ich bin meine Voice Memos der letzten Wochen durchgegangen. Wie sich herausstellt, erzählen auch diese, so wie ein Haul, ein Handtaschenreport oder eine Homestory sehr viel mehr über jemanden, als man auf den ersten Blick vielleicht vermuten würde.

Was ist das wohl für eine Persönlichkeit, die sich selbst folgende Nachrichten ins Diktiergerät (Smartphone) spricht?

1. "Konto bei Live Jasmin endlich mal löschen?"

2. "81 Jahre Nessie."

3. "Mit Dicken-Schutzräumen hatte ich auch kein Glück - da wollten sie mich in der Regel nicht. Und sich selbst auch nicht. Elitäre, exklusive Strukturen. Szene Codes und Double Standards untersuchen."

4. "Wenn man ganz viel macht, passiert auch irgendwann etwas Gutes."

5. "Verkäuferin bei Ulla Popken will mir wohl schmeicheln, als ich mit der Fleece-Jacke zur Kasse komme: "Größe 54! Wo verstecken Sie denn all das?" Sprach's, und disst damit gleich mal einfach so all ihre Kundinnen in Größe 54. Merke: selbst bei Ulla ist weniger EIGENTLICH doch besser."

6. "Mit einem Blog voll Sex und Diät wärst du viel erfolgreicher."

7. "Hatte es auch irgendwelche Vorteile für dein Leben, dick zu sein?"

8. "Laufschuhe ins Auto legen - für den Fall."

9. "Mukabang - Eating Show? Nachforschen!"

10. "Sinupret kaufen. Soll wirklich wirken."

11. "Regale hinterm Schreibtisch umräumen."

12. "McFit kündigen."

13. Bitte googeln: Darstellung sexueller Gewalt in den Märchen der Gebrüder Grimm - Die Räuberbraut, Das zersprungene Herz, Fitchers Vogel (oder so)."

14. "Rachekörper ist ein wirklich schönes Wort."

15. "Eine Selbstakzeptanz-Fibel herausbringen. Ein Bändchen für Einsteigerinnen sozusagen."

16. "Post für Englisch-Seite: Warum es nicht immer effektiver und oft schon gar nicht effizienter ist, Englisch von Muttersprachlern zu lernen."

17. "Bitte bestellen: Susan Sontag: Regarding the Pain of Others."

18. "Bildergeschichten."

19. "Candybeach-T-shirt entwerfen?"

20. "Jetzt wäre ich fast in das Auto vor mir gekracht, weil ich mir selbst auf den Busen gestarrt habe."

21. "Dünn ist immer ein zu "hoch gestecktes Ziel". Kann man jede Therapeutn fragen, die ich je hatte. Schlank nicht."

22. "Gib es auf. Er will dich nicht mehr."

23. "Vision Box statt Vision Board?"

24. "Natalie Rosenke, Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung - googeln!"

25. "Ritalin - Wirkung. Googeln!"

26. "Schönheit-ist-nicht-wichtig-Bullshit-Bingo: die inneren Werte zählen, Schönheit vergeht, Schönheit kommt von innen, zu seinen Falten stehen, Lachfalten, Lebenserfahrung, ganz tolle Ausstrahlung, positive Einstellung, apart, ein Typ sein, in Würde altern, blablabla.

27. Bitte googeln: Anna-Perenna-Brunnen in Rom.

28. "Feenkönigin."

29. "Noch nicht aufgeben: Haus beschaffen, das zu und in das ein Sofa passt."




NH

Samstag, 23. Januar 2016

Follow me around 39: Eine schreckliche Geschichte


Listen. I wish I could tell you it gets better, but... it doesn't get better. You get better. (Joan Rivers)*


Unlängst hatte ich die unendlich beschämende Erfahrung, mich im Theater während der Zugabe aus der Mitte einer Sitzreihe quetschen zu müssen. Die betroffenen Parteien sahen davon ab, aufzustehen und ihre Knie aus dem Weg zu nehmen. Schließlich war ich die unmögliche Aggressorin mit dem unzulässigen Verhalten.Und an einer Stelle steckte ich dann fest und stand auf den Zehenspitzen. Und geriet in echte Panik. Ich dachte ich falle um. Ich dachte, ich kippe rückwärts und in die vor uns liegende Reihe. Ich dachte, ich falle auf jemanden. Den demoralisierenden Effekt, den dieses Ereignis auf mich hatte, die niederschmetternde Erniedrigung, die ich als dicke Frau empfand, traf mich aus dem Hinterhalt wie eine sich plötzlich vor mir öffnende Autotür. Ich hatte schlicht nicht erwartet, mich in meinem Leben jemals noch einmal so zu fühlen. Am Ende gewann ich die Kontrolle zurück, entkam, indem ich über fremde Füße trampelte, sah in entsetze/genervte Gesichter und atmete hundertmal "Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung" auf sie herab.

Die Welt ist zu klein für mich.

Es wird ja immer mal wieder diskutiert, ob Dicksein eine Behinderung ist. 2014 hatte der Europäische Gerichtshof im Falle eines dicken Tagesvaters (160 kg) in Billund, Dänemark ein Urteil gefällt, dass besagt, dass "chronische Adipositas" eine Behinderung sein kann. Und während man gegen Dicke diskriminieren , bzw. sie aufgrund ihres Dickseins entlassen darf, werden Menschen mit Behinderungen in der EU gesetzlich vor Diskriminierung am Arbeitsplatz geschützt.

Ich würde sagen, Dicksein ist es sehr wohl mitunter eine Behinderung. Schließlich erfahren Menschen zumeist dann Behinderung, wenn sie bestimmten körperlichen "Normalitätsstandards" nicht entsprechen und darum bei ihrer Interaktion mit der Welt, die nicht auf sie und ihre individuellen Parameter eingestellt ist, immer wieder auf Hindernisse und Störungen treffen und sich in der Folge auch noch komplett unverdient unwohl in ihrer Haut fühlen.

Hier ist die Welt in der Verantwortung. Ein Welt, die weniger gedankenlos, großzügiger und vielfältiger konstruiert wäre, würde in der Tat viele Menschen weniger behindern. Ausreichend große Sitze im Flugzeug oder Toilettenkabinen, in denen sich jeder ohne Schwierigkeiten um sich selbst drehen kann (insbesondere in öffentlichen Gebäuden) betrachte ich mithin als Menschenrecht.

Taxi nach Nirgendwo 

Joan Rivers' kluges Zitat (s.o.) hat mir vor ein paar Tagen eine gute Freundin geschickt. Und gerade weil es so wahr ist, macht es mich so unglaublich betroffen. Und sowas von müde. Ich will aber gar nicht mehr besser werden. Ich habe ja auch schon gesagt, dass ich keine verdammte Lektion mehr brauche. Ich will, dass ich endlich gut genug bin,VERDAMMT! Ich VERLANGE, dass ES besser wird, und ich will nur noch alle Viere von mir strecken und den Zufall mit freundlicher Effizienz alles regeln lassen. Ich will, dass die Dinge und Fragen endlich durch glückliche Fügung an ihre Plätze fallen. Ich will nix mehr schieben und schleppen und denken. Ich will nicht. Ich will nicht mehr.

Aber natürlich ist auch hier alles kompliziert und inkonsequent, denn es liegt bekanntlich nicht in meiner Natur, die Dinge einfach so sein zu lassen, wie sie sind. Ich tue bisher immerzu irgendetwas, um die Welt zu beeinflussen, auch wenn es meistens schief geht. Und es gibt genug, von dem man denken würde, dass ich es gelernt hätte - aber wohl nie lernen werde...

Darum habe ich mich vor einigen Tagen auch wieder bei verschiedenen Partnerbörsen angemeldet. (Mein Profilname ist TaxinachX bei Finya.de und rubensfan.de.) Im wahren Leben treffe ich ja bekanntlich auf keine Männer, die was wollen könnten, und auf den Portalen gaukelt einem zumindest die Flut des männliches Interesses in den ersten Tagen nachdem man ein frisches Profil eingestellt hat, vor, dass vielleicht doch noch etwas zu holen ist.

Leider ist der Kick für das Selbstbewusstsein  nicht mehr so stark, wie der, den man sich auf diese Weise vielleicht noch vor zwei Jahren verschaffen konnte. Weil die Desillusion mittlerweile schon von Anfang an mit im Boot sitzt. Die Tatsache, dass einem anfänglich listenweise Fische ins Netz gehen, wird sofort dadurch zu Tode dadurch relativiert, dass man sie fast alle umgehend als so klein und hässlich erkennt, dass man sie im Minutentakt auch zurück ins trübe Wasser wirft. Viele der Männer in meiner Altersklasse sind ohnehin aus zweiter Hand. Sie waren in großen Zahlen verheiratet und haben Kinder. Irgendwelche Frauen fanden diese Typen irgendwann begehrenswert genug, um sie zu heiraten und sich mit ihnen zu vermehren. Wer um alles in der Welt waren diese Frauen? Aber das frage ich mich natürlich auch oft bei Frauen, die bestimmte Ehemänner behalten haben.

Einige erkennen einen wieder und begrüßen einen, wie eine alte Bekannte. Andere können sich die Häme nicht verkneifen, dass man es offenbar auch nicht geschafft hat, dem Singledasein anhaltend zu entfliehen, und nun wieder dazu gezwungen ist, mit ihnen in der Dating-Hölle auszuharren. Bitterkeit bricht sich Bahn. Einsame Seelen schlagen regelrecht um sich. Und ich verstehe sie: Eigentlich ist das alles nur zum Kotzen. Quälendes, elendes und tagelanges Hin-und Hergeschreibe in Einzelsätzen mit Männern, die man nicht auf Anhieb so unattraktiv fand, dass man sie nach dem ersten blutleeren Anschreiben sofort in die Wüste geschickt hat. So, wie es sich eigentlich gehört hätte. Was frau hier wirklich noch immer lernen kann, ist, wie entscheidend eine noch rigidere Abgrenzung und noch weniger Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer im Sinne von Selbsterhalt sein können.

Und dann ist da viel dummes Gerede über mein Gewicht. Mehr noch, als es in meiner Erinnerung in der Vergangenheit gab. Gewicht ist DAS Thema - so oder so. Einige finden es noch immer nicht "so schlimm", dass ich dick bin und verstehen meine säuerlichen Reaktionen darauf nicht. Einige finden dicke Frauen allerdings besser, als die immer und immer wieder bemühte "Hungerharke". Und wundern sich, dass ich es nicht lustig finde, wenn sie die Körper von Frauen, die nicht dick sind, runtermachen. Einige finden mich nicht dick genug. Einige wiederum glauben nicht, dass ich dick bin, weil ich (ungelogen) "doch so ein hübsches Gesicht habe". Danach will frau eigentlich allen nur noch ins Gesicht springen.

Bei Finya.de lautete mein Profiltext zunächst: "Ich suche einen Mann, der klug und gebildet ist. Und Ironie versteht. Das ist eigentlich auch schon alles." Bemerkenswert war, wie viele Männer daraufhin versuchten, dadurch auf meine grüne Seite zu gelangen, indem sie die geistigen Kapazitäten ihres Geschlechtes regelrecht dissten - immer reich versehen mit Smileys: "Ich verstehe die Ironie in "einen Mann, der klug und gebildet ist :-)", "Ein kluger und gebildeter Mann - du kleiner Scherzkeks, du! ;-)", "Du suchst also gar keinen Mann, du suchst eine Frau! :-))))". Und dann sogar noch: "Hast du in deiner Karriere als Frau schon einmal einen klugen und gebildeten Mann gesehen???".

Ja, hab ich.


NH

* Hör zu. Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass es besser wird, aber...es wird nicht besser. Du wirst besser.