Sonntag, 2. Juli 2017

VIELEN DANK, IHR LIEBEN!


Ich wollte mich im Vorfeld wenigstens auf diesem Wege schnell bedanken - für all die freundlichen Kommentare, Mails, Likes und Retweets die ich hier, bei Faceebook, Twitter, Instagram und persönlich von euch in Verbindung mit meinem kleinen Fernsehauftritt bei Frau tv am letzten Donnerstag erhalten habe. Es ist meine Hoffnung, dass ich irgendwann auf möglichst viele davon noch einzeln antworten kann, aber ich wollte erst einmal sicher gehen, dass ihr alle wisst, wie sehr ich eure Anerkennung, Freundlichkeit und persönlichen Anmerkungen und Schilderungen zu schätzen weiß und mich darüber wirklich ganz besonders freue! 

Worüber ich natürlich auch ziemlich erfreut bin, ist die Tatsache, dass sich die Zahl meiner LeserInnen in der letzten Woche zum Teil verdoppelt hat. Angesichts so vieler Neuankömmlinge dachte ich mir, jetzt sei auf jeden Fall der beste Zeitpunkt, selbst noch einmal eine Zeitreise in der Geschichte des Blogs zu machen und die Blogposts herauszusuchen, die die Entwicklung vom ursprünglichen Diät-Tagebuch zum Blog für Fettakzeptanz am besten nachzeichnen. Meine Güte...es war aber auch ein langer Weg. : ) Danke für all die Wegbegleitung durch die Jahre hindurch - und herzlich willkommen an alle, die in diesen Tagen neu dazu stoßen. 

Erste Zweifel:
Das Ende der Diäten:
Der Körper in Farbe:
Über Frauenmagazine:
Studien und Politik:
Buchrezension:
Mutprobe Schwimmbad 1:
Mutprobe Schwimmbad 2:
Das gelbe Kleid (Fatshion):
Dehnungsstreifen:
Das gelbe Kleid:
Psyche:
Sexualität:
Fuck diets:
Mein Busen und ich:
Sexualität:
Feminismus und Frustration:
Zwischenbilanz bei der Selbstakzeptanz:
Erfahrungsberich Ü100-Party:
Vergangenes Schönheitsideal:
Abermals im Schwimmbad:
Selbstportraits für Selbstakzeptanz:
Kunsttherapie:
Der Körper in Farbe:
Psyche: 
Psyche:
Literatur:
Aktivismusermüdung:
Aktivismus: 
Aktivismus:
Presse:
Über Frauenmagazine:
Der Körper in Farbe:
Buchrezension:
Über Frauenmagazine:
Skinny-shaming:
10 Jahre Candybeach:
Müssen Dicke einen dicken Partner wollen?
"Heim und Welt" und die Körper von Frauen:
Das gelbe Kleid:
Über Frauenzeitschriften:
Erste Schritte zur Selbstakzeptanz:
Dicksein gegen Schwangerschaft:
Über Frauenmagazine:
Kindheit und Diäten:
Buchrezension:
Buchrezension:
OOTD : ):
Diäten und Dicke im Fernsehen:
Buchrezension:
Buchrezension:
Anti-Fettakzeptanz:
Maskulisten und Anti-Fettakzeptanz:
Der Körper in Farbe:
Das Leben als dicke Frau:
Studie über Stigmatisierung Dicker:
Über verlogene Körperakzeptanz:
Walking Vlog Nr. 1 - Fettakzeptanz:
Buchrezension:
Über Frauenmagazine:
Buchrezension:
Anti-Feministen und Anti-Fettakzeptanz:
http://candybeach-editorial.blogspot.de/2017/05/nachgetragen.html

NH

Samstag, 24. Juni 2017

Follow me around 55: Ich komme jetzt ins Fernsehen


Um genau zu sein, am 29. Juni um 22.10 Uhr im WDR - bei Frau tv.

Die Dreharbeiten mit Katharina Wolff und ihrem Team waren sehr schön und haben mir unheimlich viel Spaß gemacht. Ich möchte mich ganz herzlich dafür bedanken, die Chance bekommen zu haben, mit den Zuschauerinnen von Frau tv über Fettakzeptanz sprechen. Natürlich muss man mich nicht lange bitten, wenn es darum geht, etwas über meinen Kampf um Selbstakzeptanz zu erzählen. Und während man seine eigene Geschichte präsentiert, lernt man als Bonus ja oft auch noch etwas über sich selbst, das einem noch gar nicht so klar war. Das heißt alles jedoch nicht, dass es sich hier nicht auch um eine Mutprobe handelt...eine kleine zumindest.

Dabei geht es nicht darum, sich als dicke Frau vor eine Fernsehkamera zu wagen - das habe ich ja schon öfter mal. Allerdings sind die meisten Auftritte nun bereits länger her (ca. 10 Jahre), und haben hauptsächlich in meiner damaligen Eigenschaft als "akzeptable" Dicke stattgefunden. Denn damals wusste ich noch, was sich gehört und habe mich pflichtbewusst auf meinem Diätblog selbst durch den Kakao gezogen. Als lustige Dicke, die sich ordnungsgemäß vorauseilend herabsetzt, bevor andere das übernehmen, und obendrein danach strebt, endlich wieder dünn zu werden, erntet man vorwiegend Freundlichkeit und Milde. Mitunter gar Begeisterung.

Als rebellische Diätbloggerin, die plötzlich Zweifel am Sinn von Diäten anmeldet, muss man sich zunächst einmal keine großen Hoffnungen mehr auf tosenden Beifall machen. Ein Großteil der bisherigen Leserinnenschaft ist erst verunsichert, dann enttäuscht und bleibt schließlich weg. Dafür kommt plötzlich immer öfter ein ganz anderes Publikum vorbei, das für Fettaktivismus nun so gar nichts übrig hat, und der Ton in den Kommentaren und Mails, die man bekommt, wird mitunter erstaunlich rau. Ich kriege immer noch regelmäßig Nachrichten, in denen mir vorgehalten wird, wie verbittert und resigniert ich rüberkomme. Ach ja, und vor allem bin ich offenbar komplett zerfressen vom Neid auf alle, die es schaffen, erfolgreich abzunehmen.

Ooooh bitte...

Tatsächlich schaffen es die meisten Dicken im Leben verdammt oft, erfolgreich abzunehmen. Meistens schaffen sie es allerdings nicht, erfolgreich dünn zu bleiben. Das schaffen sie nicht, weil es normal ist, das nicht zu schaffen. Sie sind nicht zu faul, zu dumm oder zu wenig erleuchtet. Sie sind in dieser Angelegenheit lediglich Teil einer absoluten und unbestreitbaren Mehrheit. So wie die meisten Leute eben nicht siegreich mit Alligatoren catchen.

Es hat absolut nichts mit Resignation zu tun, endlich die Notbremse zu ziehen und die Prioritäten im Leben neu zu ordnen, bevor das Leben vorbei ist. Es ist vielmehr eine Art Selbstverteidigung. Zugleich eine echte Mutprobe. Und ein Aufbruch.

Nach und nach fanden im Zuge der Verwandlung des Diätblogs in ein Projekt für Selbstakzeptanz dann natürlich auch wieder Leserinnen und Leser zum Blog, die sich neugierig und interessiert mit auf die Reise gemacht haben, um auch endlich Frieden mit ihren Körpern zu schließen. Von ihren Ideen, Fortschritten und Erfolgen dabei zu hören, ist immer das Schönste für mich. : )

An alle, die zum ersten Mal vorbeikommen - willkommen am Strand! Wie schön, euch zu treffen! : )

NH

Donnerstag, 25. Mai 2017

Nachgetragen

Fette Logik


Die Frau Herrmann hat meine Rezension ihres Buches auf ihrem Blog "kurz" kommentiert. Gaaanz kurz - auf nur sieben ultrakurzen Seiten. Dabei beschwert sie sich in der Hauptsache darüber, dass ich sie quasi durchgehend mit Absicht aus dem Zusammenhang zitiert hätte und dass die Kritik von mir als Frau an ihr als Frau schlicht "unfeministisch" sei. Insbesondere bezieht sie sich darauf, dass ich ihren Status als vermeintliches "Stalkingopfer" nicht als Ausrede dafür akzeptiert habe, dass es aus unklaren Gründen unmöglich war, die Doktorarbeit der Frau Hermann (die offenbar gar nicht Frau Hermann heißt), einzusehen. 

Ihre Leser tröten in den Kommentaren unter ihrem Kommentar, oh Wunder, nur zu gern ins gleiche Horn: "Der Feminismus ist eben (...) keine Bürgerrerchtsbewegung, sondern eher eine Art Sekte;..."; "Genderterror..."; "Femifaschomob..."; "Feministische Kritik fällt in jeder Lebenslage so aus. Gegen alles und jeden."; "(...) diese Frauen, die sich selbst so aggressiv als Feministin bezeichnen sind nur eins: Rassisten der reinsten Form."; (...) hat mir der Feminismus (...) nix zu bieten außer Dresche. Insbesondere wenn ich auch noch eine weiße Hautfarbe habe..." Undsogehtdasseitenweiseweiter.

Lasst mich dazu nur dieses noch kurz einwerfen: "Opferabo", anyone?

Dabei verdankt die Frau Hermann den Erfolg ihres dumpfen Büchleins in der Tat maßgeblich ausgerechnet gerade jenem Netzfeminismus, über den sie und ihre Blogleser sich so vortrefflich echauffieren können. Auf einem "Diät-Blog" wohlgemerkt...hüstel/augenroll. Hätten sich Feministinnen nämlich nicht vernehmbar im Cyberspace über sie geärgert, wären die traurigen Männer vom virtuellen Maskulistenstammtisch ihr nicht in aufgebrachten Schwärmen zur Seite gesprungen und hätten so viel Lärm und Werbung für sie gemacht. Und zwar so vehement, fanatisch und nachhaltig, dass da in den Weiten des Internets keine betuliche Presseabteilung irgendeines Verlages je ernsthaft mitkommen könnte. Es ist übrigens noch immer schier unmöglich, bei Amazon eine negative Bewertung für das Werk abzugeben, ohne dass einem ihre Anhänger oder gar die Autorin selbst über den Mund fahren. Das Buch, das die Frau Hermann als Cartoonistin herausgebracht hat, scheint übrigens nicht annähernd die gleiche Liebe und Unterstützung zu erfahren.

Noch einmal ganz langsam für alle, die es noch immer nicht begriffen haben, zum Mitschreiben: Die Frau Hermann hat KEIN Diät-Buch geschrieben Sie hat auch KEIN Buch über "Diätmythen" geschrieben. Sie hat ein Anti-Fettakzeptanz-Buch verfasst. Denn Fettakzeptanz ist eine Filiale des (Netz-)Feminismus. Die Frau Hermann ist eine erbitterte Anti-Feministin und kein verdammter Fitness-Guru. 

Wenn man immer ganz anders verstanden wird, als man wirklich verstanden werden will, dann hat man halt ein echtes Vermittlungsproblem. Man kann nicht pausenlos aus Zusammenhängen gerissen werden, wenn die Zusammenhänge weitgehend zusammen hängen, bzw. stimmen. Wenn alles, was man sagt, "aus dem Kontext gerissen wird", sobald es überhaupt zitiert wird, ist das schon...na, sagen wir mal...bemerkenswert. Das scheint irgendwie seltsamerweise auch immer Leuten mit dem gleichen unfreundlichen Weltbild zu passieren. Ständige Probleme mit den selbstverfassten Zusammenhängen, wie die Frau Hermann sie hat, bekommt man eben nur, wenn man entweder ein ganz anderes Selbstbild hat, als der Rest der Welt, oder aber man das eine sein, aber bitteschön zumindest von bestimmten Teilen des Publikums als das andere wahrgenommen werden will.

Wenn man z.B. mich aus dem Zusammenhang reißt, bleibt am Ende trotzdem immer die böse, dicke, linke Feministin. Da bin ich mir ziemlich sicher. Denn ganz genau die bin ich auch.

Direkt unperfekt


 Und wo wir gerade bei Frauen sind, die andere Frauen berufsmäßig vor den Bus schubsen: 

Nicole Jäger, selbsternannter fetter Diätcoach, hat offenbar Probleme beim Abnehmen. Das kann passieren. Im Prinzip ist es normal. Und normalerweise läge es mir selbstverständlich fern, dieses in irgendeiner Form kritisch zu erwähnen, wenn die Frau Jäger nicht mit einem Buch und Bühnenprogramm berühmt geworden wäre, in dem sie nicht nur behauptet hat, einst "selbstverschuldet" 340 kg gewogen zu haben, sondern auch noch allen anderen Dicken mit einer unerträglichen und obendrein total unglaubwürdigen Moralkeule von Buch eins auf die Rübe gegeben hätte. 

Das Nachfolgewerk der Frau Jäger, "Nicht direkt perfekt", erscheint offenbar im September. Der Untertitel lautet "Die nackte Wahrheit über das Frausein" und Ziel der Frau Jäger ist es angeblich, ab jetzt jeder Frau zu ihrem "Recht auf ein positives Körpergefühl (und) auf Weiblichkeit" (amazon.de) zu verhelfen. Das ist man doch erst einmal beruhigt, dass Frauen tatsächlich ein verbrieftes Recht auf Weiblichkeit haben....Und dann fragt man sich, was denn wohl eine Frau automatisch ist, wenn nicht weiblich. Und dann begreift man, dass "unperfekte" Frauen in unserer Kultur natürlich mitnichten einfach so weiblich sind. Auch und ganz besonders nicht in den Augen der Frau Jäger, die immerhin ein ganzes Buch darüber geschrieben hat, wie faul, dumm und scheiße Dicke sind. Weiblichkeit muss man sich "verdienen". Und mit nichts verliert man den Status des Weibchens zuverlässiger als mit Hässlichkeit, Fett oder Feminismus : ). Es wird wieder um Äußerlichkeiten gehen, bei der Frau Jäger. Mit dem Inneren hat sie es nämlich nicht so. Dummerweise eben auch nicht so sehr mit dem Abnehmen. Darum tritt sie jetzt plötzlich dafür ein, dass man als Frau auch irgendwie halbwegs okay ist, wenn man eben "nicht direkt perfekt" ist (denn dellig, alt, dick, zu groß, zu klein, mit dünnen Haaren, etc. kann man eben niemals perfekt sein) und wird sich so weltbewegenden Fragen widmen wie "Und warum ziehen alle beim Sex den Bauch ein?" (amazon.de)

Tun übrigens gar nicht alle. Ich nicht. Just sayin'.

Wenn die nackte Wahrheit über das Frausein der Frau Jäger ungefähr soviel Wahrheitsgehalt hat, wie die Geschichte von den 340 kg Ausgangsgewicht, dann sollte man wenigstens dafür sorgen, dass die eigene Tochter das Buch nicht in die Finger kriegt. 

Man fragt sich ja noch immer, wie das eigentlich passieren konnte, oder? Dass keiner der Milliarden von Journalisten, die die Frau Jäger in den letzten zu ihren buchstäblich märchenhaften Abnehmerfolgen befragt haben, jemals genauer wissen wollte, wie es sich eigentlich so angefühlt hat, im Körper der schwersten Frau der Welt* zu leben? Und warum dieser zusätzliche Superlativ eigentlich nie Teil der werbeträchtigen Geschichte war?

*Als schwerste, lebende Frau der Welt wurde Pauline Potter 2012 mit 293,6 kg ins Guinness Buch der Rekorde aufgenommen. Diesen Titel hat ihr bisher offenbar keiner streitig machen wollen. Tatsächlich wurde ihr Gewicht je nach Nachrichtenmedium und Zeitpunkt zwischen knapp 300 und 330 kg angegeben. Wenn man sich die Bilder von Pauline Potter zu Höchstgewichtszeiten ansieht, erscheint es einem umso absurder und unbegreiflicher, dass die Lebenssituation der Frau Jäger mit einem angeblich sogar noch höheren Gewicht bei der Berichterstattung nicht erheblich stärker oder eigentlich überhaupt mal substantiell dokumentiert und thematisiert worden ist. 


NH

Samstag, 25. Februar 2017

Ausgelesen: "Fettlogik überwinden" von Nadja Hermann

Die Frau Hermann hat in sechs Monaten 45 kg abgenommen, indem sie nur 500 kcal pro Tag zu sich genommen hat. Das kann jeder. Also…jeder, der es schafft, sechs Monate lang täglich von nur 500 kcal zu leben. Und wohl so ziemlich jeder, der so ein Programm durchhält, wird dabei einen substantiellen Anteil seines Gewichtes verlieren. Das dürfte völlig unstrittig sein. Trotzdem hat die Frau Hermann zur Sicherheit ein Buch darüber geschrieben, um uns noch einmal davon zu überzeugen, dass es so ist.

Die Frau Hermann schafft viele Dinge, die den meisten Menschen nicht besonders leicht fallen. Sie hat es geschafft, sehr viel abzunehmen (von 150 kg auf ca. 65 kg) und schafft es momentan (vermutlich), ihr aktuelles Gewicht zu halten. Ganz so einfach ist es offenkundig auch für sie nicht - das beschreibt sie sogar in ihrem Buch. Aber sie ist vermutlich sehr viel besser darin, dauerhaft und im Hinblick auf Gewichtskontrolle prekär zu essen, als die meisten anderen. Die Strategien, die sie dazu anwendet, dürften allerdings so ziemlich all ihren LeserInnen bereits vertrauter sein, als ihre eigenen Dehnungsstreifen. Das liegt daran, dass man genau diese auch so gut wie jeder Frauenzeitschriftt, die zwischen 1979 und 2009 erschienen ist, hätte entnehmen können. Bis auf die drei letzten in der folgenden Liste vielleicht...

Hier eine Auswahl:

1. Heißhungerattacken kann man gut damit begegnen, Wasser zu trinken, oder einen kurzen Spaziergang zu machen. Heißhungerattacken und ihre Bewältigung werden in dem Buch übrigens öfter erwähnt. Warum die Autorin diese überhaupt hat, bleibt wohlweislich eher im Dunkeln.
2. Grüner Tee ist irgendwie immer gut.
3. Treppensteigen und auf der Stelle zu rennen helfen dabei, trotz Zeitmangels Sport zu treiben.
4. Positiv denken hilft auch immer.
5. Wenn man keine Süßigkeiten zu Hause hat, wird man sie auch nicht so leicht essen. "Es ist sinnvoll, die Verführungen zu begrenzen." (S. 355)
6. Süßigkeiten durch Rohkost ersetzen.
7. Kalorien zählen - auch dann, wenn das Zielgewicht erreicht ist. "(...) wenn ich ganz darauf verzichte, merke ich schnell, wie ich mir wieder die klassische Wahrnehmungsverzerrung anlache, dass mir Portionen viel zu klein erscheinen, oder ich Dinge vergesse, die ich gegessen habe." (S. 343) "Andererseits empfinde ich das Zählen auch nicht als große (...) Qual, da es im Prinzip nur fünf bis zehn Minuten in Anspruch nimmt..." (S. 344) Insgesamt ist es halt "ganz beruhigend, die Kalorienbilanz im Hinterkopf zu haben." (S. 344)
8. Nach "Ausrutschern" nicht aufgeben und "wieder in die Spur kommen". (S. 198)
9. Gegebenenfalls Nahrungsergänzungsmittel und Proteinpräparate einnehmen.
10. "Wenn ich mich etwa zum Essen verabrede, dann plane ich so, dass ich schlemmen kann." (S.160) Soll heißen: Hinterher oder vorher wird weniger gegessen und dafür mehr Sport getrieben. Siehe auch Punkt eins.
11. Salatdressing kann man, statt mit mit Öl, auch mit Wasser und Süßstoff machen. (S. 158)
12. Keinesfalls sollten Abnehmwillige "sich selbst limitieren (...), indem sie weiter an ihrer "dicken Identität" festhalten". (S. 214)
13. Um hängende Haut nach der Abnahme muss man sich keine Sorgen machen. Man muss einfach nur dünn genug werden: "So wenig Fett wie möglich übrig zu lassen, das die Haut nach unten zieht, ist ebenfalls wichtig." (S. 208)
14. Und dann noch diese verblüffende Eröffnung: "Normalgewichtige scheinen häufiger eine Aufnahme von Mehrenergie mit mehr Gezappel zu kompensieren, als Übergewichtige dies tun." (S. 39) Daraus möge nun jeder die Verhaltensregel ableiten, die er für angemessen hält. Facepalm.
15. Zu guter Letzt sollte man gefälligst immer schön am abschreckenden Kopfkino arbeiten, damit einem jeder überflüssige Bissen auch ganz bestimmt im Halse stecken bleibt: "Ich sah mir bewusst OP-Fotos und Videos adipöser Menschen an und das Fettgewebe im Bauchraum. Ich sah mir Fettlebern und verfettete Herzen an, und für eine kurze Zeit empfand ich Ekel bei dem Gedanken an das gelbe, aufgeblähte Gewebe, das da in mir war." (S.331)

Dass (fast) all ihre Diättipps älter sind, als die Mutter von Gott, ist der Frau Hermann, die sich ja offenbar gerade erst durch einen Nebel von irreführenden "Fettlogiken" gekämpft hat, augenscheinlich unbekannt. Dass Generationen von Frauen bereits an der Umsetzung gescheitert sind, wäre ihr vermutlich egal. Da ist es sicher auch unerheblich, dass z.B. Weight Watchers bereits seit 1997 als Folge einer Auseinandersetzung mit der Federal Trade Commission in den USA ihrem Kleingdruckten den Hinweis “For many dieters, weight loss is temporary” (Für viele, die Diät machen, ist die Gewichtsabnahme vorübergehend) hinzufügen müssen.

Das Bemerkenswerte an dem Buch der Frau Hermann ist also nicht das darin dargelegte Rezept zur Gewichtsabnahme, garniert mit den gängigen Todesdrohungen und Ermahnungen, sondern vielmehr die Tatsache, dass die dicke Frau Hermann offenbar ihre prägenden Jahre auf einem völlig anderen Planeten verbracht hat, als der Rest von uns. Sie lebte auf dem Planeten der „Fettlogiken“, auf dem offenbar ganz andere Vorstellungen über die Gefährlichkeit und das generelle Schlechtsein von Dicksein herrschten, als hier. Auf ihrem Planeten war man der Ansicht, dass es möglicherweise gar nicht so schrecklich ungesund ist, einen BMI über 24 zu haben und dass es ganz und gar nicht einfach noch womöglich überhaupt sinnvoll ist, sein Gewicht durch Diäten langfristig mehr oder weniger stark zu reduzieren. Anders als alle anderen, musste Sie sich erstaunlicherweise erst mühsam und durch eigene Kraft die Überzeugung erarbeiten, dass man als Dicke dem Tode geweiht und selbst daran Schuld ist, aber diesem durch eiserne Disziplin, ersatzreligiöses Kalorienzählen und möglichst viel Sport dann doch noch von der Schippe springen kann. Und bitteschön auch ethisch dazu verpflichtet ist, dieses zu tun. 

Wir wussten das alles schon immer. Denn diese Überzeugungsarbeit haben für den Rest von uns selbstverständlich die Medien, die Mütter, die Ärzte und wer weiß noch alles ganz ohne unser Zutun erledigt. Körperbezogene Schuld und Angst und Diätbereitschaft haben wir sozusagen in die Wiege gelegt bekommen. Ich hätte gern die Adresse des Planeten, auf dem die Frau Hermann einst lebte. Da will ich nämlich auch hin.

Kurzum, die Frau Hermann hat ein Buch geschrieben, in dem sie Mythen über Gewicht und Abnahme widerlegt, die in den letzten Jahrzehnten ohnehin keiner ernsthaft für wahr gehalten hat. Sie versucht, den Mainstream als Mainstream zu etablieren, und tut so, als wären vergleichsweise neuere Ideen und Erkenntnisse seit Ewigkeiten die herrschende Meinung. Die von ihr vehement bekämpften "weit verbreiteten Diätlügen" (Buchcover) wie z.B. Health at Every Size oder Fettakzeptanz sind aber bekanntlich erst verhältnismäßig neu und haben sich darüber hinaus noch lange nicht durchgesetzt - weder gesellschaftlich noch unter Medizinern. Was um alles in der Welt könnte also ihr wahres Problem sein, was die Gründe für ihren erstaunlich verbissenen Kampf gegen neue Ideen, die man getrost noch immer als Außenseiterkonzepte bezeichnen könnte?...Man kann es nur vermuten. Oder: Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Die Frau Hermann hat mich ja mal gefragt, wie ich denn bloß darauf käme, dass sie "dickenhassed" sei.

Nun ja...

"Eine Heroin-Acceptance-Bewegung, die darauf besteht, dass zerstochene und vernarbte Arme erotischer sind als gesunde Arme, würde kaum Fuß fassen. Auf der anderen Seite wird gefeiert, dass eine Mainstream-Modelagentur ein Model mit einem morbid adipösen BMI unter Vertrag nimmt. Sie wird geschminkt, in eine Corsage gezwängt und mit Photoshop so bearbeitet, dass ihre Figur möglichst attraktiv wirkt. Die Botschaft wird dann als "body positive" dargestellt. Inwiefern unterscheidet sich dies von dem hypothetischen Versuch, das Selbstbewusstsein von Heroinabhängigen zu stärken?" (S. 323)

Bei der Frau Hermann weiß man halt immer nicht, was größer ist - ihre quasi religiös aufgeputschte Bösartigkeit, oder ihre Weltfremdheit. Denn ironischerweise dürften sich die meisten meiner Leserinnen sehr wohl noch an den Heroin Chic erinnern, der unter anderem Kate Moss zum Supermodel ihrer Zeit machte.

Ach ja, und das Buch ist voll mit Studien. Das wird gern von begeisterten Rezensenten ins Feld geführt. Die Frau Doktor hat (fast) all ihre Thesen auch handfest und wissenschaftlich belegt. Ätsch! - Nun wissen wir natürlich alle, dass vermutlich so ziemlich jeder, der es vorhat, ein Buch mit Studien vollkriegt, die genau das belegen, was er belegt haben möchte. Das gilt übrigens ebenso auf dem Gebiet der Fettrationaltät. Hier sei z.B. "Body of Truth" von Prof. Harriet Brown (Syracuse University, New York) empfohlen. Selbstverständlich ebenfalls randvoll mit Studien. Das an sich ist aber noch kein Kriterium. Auf die Qualität der herangezogenen Studien kommt es an.

Allein auf Seite 90 des Buches "Fettlogik überwinden" werden drei Studien zitiert, um darzulegen, dass ein BMI über 25 zu einem signifikant erhöhten Sterberisiko führt. Das ist an sich schon immer ein wenig problematisch, weil die Bestimmung des "normalen" Sterberisikos eines im Augenblick gesunden Menschen so oder so schlicht eine kniffelige Angelegenheit ist. Aber sei es drum. Die erste Studie ist von 2010 und wurde von Amy Berrington de Gonzalez (D.Phil) vom National Cancer Institute in Maryland, USA erstellt. Das Institut ist Teil der National Institutes of Health. Hierbei handelt es sich wiederum um eine Behörde der USA, auf deren Neutralität man sich eigentlich schon verlassen können müsste. So weit so gut.

Die zweite Studie stammt aus dem Jahre 1999. Bei der federführenden Verfasserin handelt es sich um Eugenia E. Calle (PhD), die zu Lebzeiten für die American Cancer Society arbeitete. Hierbei handelt es sich um eine "unanhängige" und "non-profit" Organisation, die laut Kritikern weder das eine noch das andere ist und bereits seit Jahrzehnten immer wieder in die Kritik gerät, eher im Dienste ihrer Hauptspender (Pharma- und Chemiekonzerne) zu handeln, als im Interesse der Allgemeinheit. Und das mit erheblichen Mitteln und politischem Einfluss. Ein in diesem Zusammenhang explizit aufgeworfener Vorwurf ist auch, dass es sich dabei, einer vermeintlich zu dicken und zu trägen Bevölkerung die Schuld an ihren Krebserkrankungen selbst zuzuschieben, um Ablenkungsmanöver handelt, z.B. vom Einfluss von Pestiziden auf die Anzahl der Krebserkrankungen. Wer will, kann ausgerechnet dazu eine weitere Studie lesen.

Die dritte Studie auf Seite 90 wurde 1995 von JoAnn Manson erstellt, ihres Zeichens Professorin an der Harvard T.H. Chan School of Public Health. 1995 beriet die Frau Manson übrigens auch ganz zufällig gleich zwei private Pharmaunternehmen (Interneuron Pharmaceutical und Servier) im Hinblick auf die Überprüfung von Dexflenfluramin in den USA durch die Food and Drug Administration. Bei Dexflenfluramin handelte es sich, wen mag es noch groß wundern, um einen Appetitzügler, der übrigens 1997 aufgrund seiner horrenden Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen wurde. Dieser Interessenkonflikt und mangelnde Transparenz brachten die Frau Manson bereits 1996 in Schwierigkeiten - und zwar mit den Herausgebern des New England Journal of Medicine.  

Und ich höre sie schon rufen: Aber die Frau Hermann hat ja schließlich selbst einen Doktortitel in Psychologie und weiß damit genau, wovon sie redet! Damit auch keine Leserin je vergisst, dass die Autorin promoviert hat, weist diese in regelmäßigen Abständen im Buch darauf hin. Außerdem steht selbstverständlich der generische Titel auf dem Cover des Buches vor Ihrem Namen, was bei deutschen Publikationen ohnehin eher ungewöhnlich ist. Und wenn ich mich nicht komplett verlesen habe, war sie erst 25, als sie ihren Titel erwarb. Donnerwetter, das ist auf jeden Fall sportlich, denn um das an einer deutschen Uni zu schaffen, muss man bekanntlich von der Abiprüfung direkt in den Hörsaal plumpsen und hat ab da dann eigentlich auch keine Zeit mehr, sich zwischendrin die Zähne zu putzen. Natürlich hätte es mich sehr interessiert, einen Blick in diese Arbeit zu werfen.

Nun müssen Dissertationen in Deutschland ja veröffentlicht werden und zumindest die Deutsche Nationalbibliothek muss sie im Verzeichnis führen. Aber ich konnte sie nicht finden. Also wandte ich mich an den Ullstein Verlag, um den Titel vielleicht so zu erfahren. Die zuständige Lektorin leitete meine Anfrage kurzerhand an die Autorin selbst weiter, die mir anbot, "entsprechende Belege dem Verlag zur Verfügung (zu) stellen, der sie dann prüft und (...) anonymisiert (...) weiterleitet". Der Name Hermann sei der Name ihres Mannes, den sie aber noch nicht offiziell angenommen habe. Außerdem sei sie bedroht und gestalkt worden und könne somit ihre Daten nicht preisgeben. Darüber hinaus sei der Inhalt der Arbeit auch nicht für mich von Interesse, da er "mit dem Thema Übergewicht nichts zu tun" habe. Laber Rhabarber.

Es gäbe hier vermutlich noch viel zu sagen. Aber ich habe echt keine Lust mehr. Und jetzt kann das bizarr stümperhafte, toxische Teil, nachdem es monatelang hier rumgelegen hat, auch endlich ins Altpapier.

Ich bitte euch: Wenn ihr unbedingt eine Diät machen wollt, esst Kohlsuppe. Aber bezahlt niemandem auch noch Geld dafür, beschimpft, bedroht, gemaßregelt und verunglimpft zu werden. 

NH

Mittwoch, 15. Februar 2017

Follow me around 54: Valentinstage

Zwei Tage nachdem ich in meinem Fragebogen zum Jahresende auf die Frage nach der wichtigsten Erkenntnis aus 2016 geantwortet hatte, dass ich einen Mann so dringend brauche, wie ein Fisch das berühmte Fahrrad, hatte ich dennoch eine weitere Verabredung mit mit jemandem, der mich auf einem der Partnersuche-Portale, bei denen ich mich eigentlich gerade abmelden wollte, doch noch gefunden und angeschrieben hatte.

Eine etwas längere Unterbrechung mittendrin mitgerechnet, hatte ich zu diesem Zeitpunkt bekanntlich vier Jahre Online-Dating hinter mir und die Nase erklärtermaßen gestrichen voll.

Unsere erste Begegnung fand im Museum der Arbeit statt - bemerkenswerterweise auch noch in einer Ausstellung rund um das Thema Entscheidungsfindung. Mit Übungen, nach deren Erledigung ein Computer analysieren sollte, was für ein Entscheidungstyp man ist. Im Prinzip war die Ausstellung wie ein begehbarer Psychotest in einer Frauenzeitschrift. Wir amüsierten uns in spontaner Einigkeit angesichts der Schlichtheit  des Ausstellungskonzeptes und hatten obendrein die Öffnungszeiten nicht beachtet, so dass wir ohnehin nur eine knappe Stunde hatten, um all unsere Entscheidungen zu treffen. Bei uns beiden ging seither dann aber auch immer alles ziemlich schnell. In Windeseile haben wir einen Entwicklungsstand erreicht, bei dem wir uns gegenseitig anrufen, um die Einkaufsliste fürs Abendessen zu besprechen und jeder des anderen Schlüssel in Verwahrung hat. Bei mir lag zwischenzeitlich nun sogar schon männliche Bekleidung im Wäschekorb. Ist das zu glauben...?

Nur zwei der Rosensträuße, die ich in meinem Leben bekommen habe, waren von einem Mann (der Rest war von meiner Mutter zu Geburtstagen). Tatsächlich habe ich diese beiden Sträuße von ein und dem selben Mann erhalten. In den letzten zwei Monaten. Und ich musste 45 werden, damit das passiert.

Am vergangenen Valentinstag stellten wir nun fest, dass wir es auf den Tag genau seit bereits neun Wochen miteinander ausgehalten haben. Ich staune Bauklötze. Ich hatte ja gar keine Ahnung mehr, was Paaralltag so ausmacht. So hatte ich z.B. auch kein Bewusstsein mehr dafür, dass einer womöglich sofort eine Nachricht schreibt, ob er sich Sorgen machen müsse, wenn ich eine Verspätung nicht rechtzeitig ankündige. Weil er sich Sorgen macht. Um mich. Unfassbar.

Nun habe ich natürlich von euch auch Nachfragen erhalten, wo ich stecke. Danke dafür, ihr Guten! Ich bin noch immer hier. Aber zuerst hat das Blog darunter gelitten, dass alles zu traurig war. Und nun ist alles zu aufregend. Und die Zeit rennt bekanntlich, wenn man Freude hat. Ich jedenfalls komme zu so gut wie nichts anderem mehr.

Irgendwann kommt vielleicht wieder eine gewisse Ordnung in die Sache... : )

NH