Samstag, 4. Juli 2015

Follow me around 28: Graue Vorzeit



Wenn ich als Kind mal wieder mit aufgeschlagenen Knien am Garten der Nachbarin vorbei humpelte, einer echten Landpartie in Kittelschürze und grundsätzlich einer Plastikschüssel mit selbstgezogenem Gemüse im Arm, sagte sie immer: "Bis du heiratest, ist alles wieder gut." Das kann also noch alles etwas dauern.

Ich habe endlich Abzüge von alten Negativen machen lassen, die ich beim Äufräumen gefunden habe. Ich wusste, dass ich auf den Bildern bin, aber als ich sie dann in den Händen hielt, war ich mal wieder komplett erstaunt und verwirrt. Zunächst. Und dann war ich wieder verdammt wütend.

Die Bilder zeigen mich, so um die elf Jahre alt, auf einer im Garten improvisierten Wasserrutsche. Ich war immer groß und weit entwickelt für mein Alter. Andere Kinder holten mich erst ein paar Jahre später in der Pubertät so richtig ein. In den Köpfen meiner Eltern, meiner Umwelt und somit auch in meiner eigenen Gedankenwelt galt ich seit meinem dritten Lebensjahr als dick und damit für alle Beteiligten als dringend korrekturbedürftig.

Was ich heute auf den Bildern sehe, ist ein schöner, starker Körper mit langen Beinen, rundem Po und viel Spannung. Ich hätte eine Frau mit einem schönen, starken Körper und einem runden Po werden können, die sich gern bewegt, niemals hungert und keinen Anlass sieht, sich zu verstecken. Hätten sie mich einfach in Ruhe gelassen. Hätten sie mich nicht belogen und betrogen und gequält mit ihrem krankhaften Bestehen auf vermeintliche, körperliche "Normalität".

Obwohl ich bereits als Kleinkind Diäten gemacht habe, sieht es so aus, als ob ich mit elf durchaus noch eine Chance gehabt hätte, halbwegs unbeschadet aus der Sache rauszukommen. Wenn der Krieg gegen meinen Körper ab da aufgehört hätte. Hat er aber bekanntlich nicht. Und so wurde ich stattdessen nach jeder Diät immer runder, unsicherer und unglücklicher. Und übrigens auch unbeweglicher, denn wenn einem immer unterstellt wird, man sei unsportlich und faul (weil ja dick), dann fördert das nicht die Freude an Bewegung. Zwang und Vorwürfe machen traurig und verbreiten Stress. Nichts weiter.

Klar, ich wäre vermutlich nicht auf den Weg der Fettakzeptanz und des Fettaktivismus gelangt, aber was wäre mir alles erspart geblieben? Wie viel Selbsthass? Wie viel Scham? Wie viele Schwindelanfälle vor Hunger? Wie viele verpasste Chancen, weil ich mich und mein Fett so oft versteckt habe, und darum so selten zur rechten Zeit am rechten Ort war? Wie anders wäre mein Leben wohl verlaufen? Ich kann in letzter Zeit nicht mehr so recht aufhören, mir diese Frage zu stellen. Ich habe die Bitterkeit und schiere Empörung darüber schon öfter beschrieben. Sie wird aber mit der Zeit nicht kleiner, sondern nimmt zu. Ich frage mich nun, ob es je gut wird. Und wenn doch, dann wann endlich?



Räumungsverkauf



Ich hatte etwas Zeit auf dem Weg zum nächsten Termin, war gerade in der Gegend und dachte, "Ach, gehst du mal wieder zu Hagedorn". Davor hatte ich den Buchladen jahrelang nicht besucht, weil ich nicht mehr in der Nähe wohne. Wie sich herausstellte, kam ich gerade noch rechtzeitig, bevor der Buchladen meiner Kindheit und Schulzeit nach 40 Jahren geschlossen hat. Aus welchem Grund weiß ich nicht. Ich war so erschüttert, dass ich vergessen habe, zu fragen.

Stunden habe ich als Kind in der Bücherecke verbracht und mein Taschengeld dort für das ausgegeben, was ich mehr liebte als alles andere - Bücher. Weite Teile meiner Bilderbuchsammlung stammen von da. Ich war sechs, als ich mir dort selbst das erste "richtige Buch" gekauft habe (soll heißen ohne größere Buchstaben oder Handschrift für Leseanfänger). Aber nun ist Schluss. Wieder so ein Stück persönliche Geschichte weg. Und es wird einem ein wenig mulmig. Ist es wirklich schon so spät?

Mein erstes vom Taschengeld in der Bücherecke selbstgekauftes Buch - ich bin sicher, die Katze auf dem
Cover hat den Ausschlag gegeben. ; ) 
Noch eins der ersten "echten" Bücher, die ich mir selbst gekauft habe - da gab es offenbar  auch schon
immer eine Vorliebe für "Horror".
Der letzte Einkauf in der Bücherecke - trotzdem lauter Kinderbücher.

Die Suppe auslöffeln

Wie berichtet, bin ich nun wirklich beim "Meal Prepping", also beim strategischen Vorkochen angekommen. Die Küche wird so  nur einmal pro Woche chaotisch, wenn ich einen großen Pott vegane Gemüsesuppe koche, die für eine Woche reicht.

Was ich noch gelernt habe: Vegane Sour Cream und Vegannaise sind ok - tatsächlich besser, als ich gehofft hätte. Sojasahne und -milch gehen so.Veganer Käseersatz funktioniert für mich absolut nicht. Ich kann mich weder an den Geruch noch an die Konsistenz gewöhnen. Das bedeutet, ich müsste in Zukunft ohne Käse leben. Mist...


Männliche Anerkennung

Es hat zwar ein paar Jahre gedauert, aber nun hatte auch ich in letzter Zeit Maskulisten-Besuch. Erst wenn die sich so richtig aufregen, weiß frau schließlich, sie ist auf dem richtigen Weg. Talk of male validation, huh? Wer wissen will, wie bescheuert die mich so finden und einen starken Magen hat - bitteschön.

Ich will nicht sagen, dass frau hier irgendwann über fast jede Art männlicher Aufmerksamkeit froh ist, aber seien wir ehrlich - der einzige "Sex on the Beach", den ich dieser Tage kriege, ist der von Penny.

My head is a jungle

Und ins Kino ist dann ob meines abwegigen Geschmackes wie bereits prognostiziert auch wieder keiner mitgekommen. Ich brauche jemanden, wie den Ewald meiner Nachbarin. Einen, der sich aus purer Liebe opfert. Denn ein Opfer wäre es wahrhaftig gewesen. Jurassic World hat wenig mehr zu bieten, als der Trailer bereits zeigt. Von der lächerlichen Continuity, die die Hauptdarstellerin immer wieder erst mit und dann nach dem nächsten Schnitt ohne hochhackige Schuhe auf der selben Hetzjagd durch den Dschungel rennen ließ, will ich gar nicht erst reden. Obwohl mich bei einer so teuren und massigen Produktion solche Basisfehler schon irgendwie ganz nervös und fassungslos machen. Aber ich ertrage auch keine schlechten, sinnlosen Geschichten mit unschlüssigen Übergängen mehr. Und was ich auch nicht ertrage, ist der ständige Hollywood-Backlash. Wir haben 2015, und in einem hochglänzenden Spielberg- Film für Kinder (wenn er am Ende auch haarsträubend brutal, komplett humorlos, langatmig und nervig ist) gibt es ganze vier weibliche Sprechrollen, von denen nur eine eine Hauptrolle (die Tante der zwei männlichen Kinder) ist, in einem wahren Heer von männlichen Darstellern. Am Ende hing ich nur noch gähnend im Sessel, nachdem mir das Popcorn ausgegangen war, und war schon fast zu schwach, um mich darüber zu ärgern, dass der Film auch noch Dicke basht. Weinerlicher Loser-Sicherheitsdienst-Mitarbeiter und Bösewicht - beide sind dicke Männer.

Komisch, dass mich ausgerechnet da dann die Sinnlosigkeit unserer Existenz überhaupt überfiel. Das tut sie immer wieder mal. Ich habe schon als Kind manchmal in den Himmel gesehen und kleine Panikattacken bekommen, weil mir siedend heiß klar wurde, dass ich nie wissen werde, was dahinter ist. Ich bin aus dem kalten Kino in die stickige Nacht gestolpert, und wusste nicht wohin mit mir.

Am Ende war es im Film übrigens der Mosasaurier, der alle gerettet hat. Mir gegenüber im Regal steht ein Mosasaurier-Zahn, den mir meine Mutter mal geschenkt hat, weil ich ja die Wassersaurier schon  immer am liebsten gemocht habe.

Vor ein paar Tagen habe ich von einer Übung gehört, die Menschen, die zu viel Kram horten, dabei helfen soll, zu bestimmen, welche von den Dingen, die sie besitzen ihnen wirklich am wichtigsten sind. Und ich habe sie auch gleich ausprobiert. Man soll sich vorstellen, das Haus brennt und man hat nur zwei Minuten, um ein paar Sachen zu retten. Für mich war die Sache klar: 1. Kater, 2. Transportkorb für Kater (der ist, das habe ich durch die Übung gelernt, im Notfall nicht gut genug erreichbar gewesen), 3. Handtasche und Telefon, 4. Jacke und Schuhe. Wenn ich dann noch Zeit hätte: Fotoalben, ein paar Bücher, ein Bild von der Wand. Wenn noch mehr Zeit wäre: eine ganz bestimmte Vase und vielleicht den Schmuck meiner Mutter. PENG. Plötzlich war es in meiner Vorstellung ganz leicht, auch den ganzen großen Rest meines Hausstandes zurückzulassen, den ich nach meinen vielen Aufräumaktionen noch besitze. Das Gefühl, dass ich mich immer leichter von Dingen trennen kann, macht mich sehr froh. Und erleichtert.


NH

© Candybeach.com 2015

Sonntag, 28. Juni 2015

THE UGLY GIRL PROJECT: Gartenschlauch / Garden hose










© Nicola Hinz 2015

Follow me around 27: Presseschau


"Und hast du in letzter Zeit etwas 
Schönes gelesen?"

Hat Theo gefragt. Aber nur, um von einem anderen Thema abzulenken. Aber na gut, falls es jemanden doch interessiert - wobei, schön war es eher nicht.


Bravo Girl! 
Nr. 13 (17.6.2015)

Denn ich kann mir ja nicht helfen - während ich in letzter Zeit an Kassen stand und der Blick über die Zeitschriften glitt, blieb er natürlich immer wieder an sowas hier hängen: "Schummel dich schlank!" Seitdem ich so voll im Thema bin, kann ich ja nicht mehr wegsehen, so fasziniert und entsetzt bin ich von der perfiden Allgegenwart von auf Frauen (und in diesem Fall sehr junge Frauen und Mädchen) abgefeuerten, negativen Körperbotschaften, die mir vorher in ihrem vollen Ausmaß schlicht nicht bewusst war. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich bisher immer dachte, es müsse heißen "Schummle dich schlank"...aber was ist schon Grammatik, wenn es darum geht, dünner auszusehen?

Es war die erste Bravo Girl!, die ich gekauft und durchgeblättert habe, und ich gebe weder an noch versuche ich unnötig dramatisch zu sein - mir wurde tatsächlich vor Ärger erst ein wenig schwindelig und dann regelrecht übel. Erst wollte ich auch gar nicht mehr darüber schreiben, denn ich wollte den Kram eigentlich nur noch in die Tonne pfeffern, aber Drecksarbeiten müssen bekanntlich auch erledigt werden. Der Artikel zur Schlagzeile auf dem Titelblatt beginnt auf Seite 8 und endet auf Seite 13. Es geht um Bikinis und welchen man mit welcher Problemzone tragen sollte, wenn man sich fürs Schwimmbad eine "schönere, schlankere und knackigere" Traumfigur erschummeln will. Beim ersten Model dachte ich für einen Augenblick erschrocken, sie streckt den Arm hoch zum Hitlergruß...aber wahrscheinlich bin ich wieder die einzige, die solch verdrehte Assoziationen hat.

Natürlich impliziert schon das Wort "schummeln" in diesem Zusammenhang nichts anderes als schuldhafte Hässlichkeit. Wer ES nicht wirklich hat, hat Pech und ist im Prinzip selber Schuld. Und muss halt ein wenig betrügen. Denn Hässlichkeit ist natürlich noch immer um Einiges schlimmer als Unehrlichkeit. Darum verteilt die Bravo Girl! schließlich auch großzügig solche Schummeltipps an die Bedürftigen, aber eigentlich hätte man sich ja auch mal mehr zusammenreißen können, und insgesamt schöner geboren worden sein.

Die folgenden 12 Mädchen in Bikinis repräsentieren 12 körperliche "Mängel", die durch die Wahl des richtigen Bikinis abgemildert werden können:

1) Großer Busen / Kleine Brüste

2) Zierliche Figur / Kurvige Silhouette / Groß und schlaksig

3) Wenig Taille und großer Po / Flacher Popo

4) Volle Oberschenkel

6) Breite Schultern (?!)

7) Etwas Bäuchlein

8) Breite Hüften

Zusätzlich gibt es eine Liste für Dos und Don'ts - wiederum für wenig Busen, viel Busen, kleine Pos, große Pos sowie für kräftige Beine. Was bei dieser Gegenüberstellung mal wieder klar wird, ist, dass es in der absurden Welt der Frauenzeitschriften schier unmöglich ist, einen "richtigen" Körper zu haben, der keiner Nachhilfe bedarf - kein Körper ist ok. ALLES muss korrigiert werden. Und das Gegenteil von allem eben auch: "Bikinitops mit Rüschen tricksen dir eine größere Oberweite." Aber: "Tief ausgeschnittene Neckholder (...) lassen deine Oberweite kleiner erscheinen." Es gibt kein Gewinnen.

Auf der letzten Seite ist eine Galerie von Leserinnen zu bewundern, die ihre Bilder per Instagram oder Mail an die Redaktion geschickt haben. Die meisten von ihnen dürften, wenn überhaupt, gerade eben so die Pubertät erreicht haben...ich frage mich, was man als Mutter überhaupt tun könnte, um seine Tochter wirksam vor so viel Gift und Angriffen auf ihren Selbstwert und ihre Gesundheit zu schützen.

Und wofür ist eigentlich das lächerliche Ausrufezeichen da? Offenbar, um die Mädchen pausenlos anzuschreien und anzufeuern, alles nur nicht sie selbst zu sein: "Fit und sexy!", "Schummel dich schlank!", "Mund auf, Augen zu!", "Sexy aussehen!", "Aber wer braucht Rettungsringe um die Taille?!", "(...) zarte Strähnchen herausziehen!", "Nach dem Baden neu eincremen!", "Schüttle die negativen Gedanken ab!", "Süße Looks, die jeden Jungen sofort verzaubern!"...

...überhaupt ist es offenbar von erstaunlicher Bedeutung, was Jungs so gut finden. Auf Seite 48 lernen wir, dass "Jungs sich ruckzuck in dich verlieben", wenn frau nur genug - Achtung! - lächelt. "Du bekommst alles, was du willst - ohne Worte."

Ohne Worte.


Brigitte
Nr. 12, 27.05.2015

Auch da sollte ich ja zu meinem eigenen Besten die Finger weglassen, und konnte es doch nicht, als ich gesehen habe, dass in dem Heft ein Artikel über Frauen in Mauretanien war. "Dick und geschieden" stand auf dem Titel. Mir schwante Schlimmes...und ich behielt Recht. Denn wenn die Brigitte über Frauen in einer anderen Kultur berichtet, verlieren ihre Autorinnen selbstverständlich niemals den Blick auf das Wesentliche: Dicksein ist schlecht, schlecht, schlecht. Und die Frauen in Mauretanien werden gemästet, um dick, dick, dick zu werden - weil das da das herrschende (für Brigitte-Redakteurinnen selbstverständlich total abwegige) Schönheitsideal ist. "So jedenfalls erzählt man sich von den Frauen in Mauretanien." Hoppla!?

Dass nicht eine jener gemästeten, mythischen Monsterfrauen der Fotografin vor die Linse gekommen ist, weil die Frauen in Mauretanien gar nicht mehr zwangsgemästet werden, hat die Autorin dann zwangsläufig auch mitbekommen. Das hindert sie nicht daran, sich immer weiter abfällig über die Praxis und über aus ihrer Sicht zu dicke Körper auszulassen: "(...) dick, das hat sich herumgesprochen, heißt auch: unbeweglich und krank.", "Fette Frauen gibt es nur wenige. (...) viel weniger als beispielsweise in den USA.", "(Es) wird gezeigt, wie eine sehr dicke Frau (...) äußerst unästhetisch versucht (...) aufzustehen.", "(...) Elys Kampagnen (...) erreichen (die), die schon vernünftig sind."

Die Ironie, dass eine Diät hier mitunter als emanzipatorischer Akt verstanden werden kann, geht an der Autorin offenbar komplett vorbei, und obwohl sie sogar die mauretanische Frauenrechtlerin Ely Aminetou zitiert, die ausführt, dass die heute nur noch freiwillig stattfindende absichtliche Gewichtszunahme unter jungen Frauen auf Männerfang nichts anderes ist, als der "Magerwahn im Westen", kann sie ihre Abneigung für Frauen, die ihr Gewicht gezielt erhöhen, um so ihre Normschönheit zu steigern und über möglichst viele Ehen und Scheidungen wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen, nur schlecht verbergen: Die zwanzigjährige Belkiss ist "verwöhnt", "killt" ihre Zeit mit Facebook und Instagram, schwänzt die Schule, um shoppen zu gehen und ist somit schon dreimal durch den Schulabschluss gefallen. Die 54jährige Horya Mint Nana hat "sich achtmal mit Tabletten vollgestopft", um dick zu werden, zusammen mit ihrer Schwester hat sie bereits über ein Dutzend Ehemänner "entsorgt" und sie "kommandiert" ihre "Diener" mit "herrischen Worten".

Unter dem Artikel behauptet ein kleiner Absatz, dass die Autorin Andrea Jeska es nicht leiden kann, "wenn Frauen sich kleinmachen oder dünn hungern". Darum war sie angeblich "sehr beeindruckt von der Präsenz (...) und dem Stolz (...) der mauretanischen Frauen."

Tsss...could have fooled me.*


Micky Maus
vom 12.06.2015

Und dann endlich aufatmen und basteln. Wo wir doch gerade von Monstern sprachen... ; )





*Das ist aus dem Artikel weiß Göttin nicht ersichtlich - darum: Fast hätte sie mich an der Nase herumgeführt. Da dachte ich doch für einen Augenblick, sie hat was gegen Fett...

© Candybeach.com 2015


Samstag, 13. Juni 2015

Follow me around 26


I still know what you ate last week*

Doch, ich komme schon klar. Und immer ein wenig besser. Ohne Fleisch, Eier und Milch auszukommen ist für mich auf jeden Fall sehr viel leichter, als ohne Kohlenhydrate. Das ist und bleibt ein entscheidendes Hindernis. Inzwischen finde ich im Supermarkt sogar vieles, was vegan ist, ohne dass es draufsteht. Was für mich wirklich nicht funktioniert, ist Käseersatz. Um genau zu sein, wird mir davon bei größeren Mengen sogar ein wenig übel. Irgendjemand riet, Aufläufe mit Mandelmus zu überbacken. Ich bin skeptisch - und, herrje!, ist das Zeug teuer. Wieder mehr selber zu kochen, führt weiterhin regelmäßig zu Küchenexplosionen. Ich time jetzt die Aufräumarbeiten, um sie im Spiel gegen die Uhr etwas "sportlicher" zu gestalten. Trotzdem muss das Problem anders gelöst werden. Im Augenblick spiele ich mit der Idee, mich im "Meal prepping", also im Vorkochen für eine halbe oder ganze Woche zu versuchen.

Tatsache ist: Wenn man sich erst einmal mit den Hintergründen zur Produktion von Eiern und Milch (auch bei Bio-Betrieben) beschäftigt hat, gibt es eigentlich kein Zurück mehr. Offenbar ist es fast humaner, die Tiere zu essen, als ihre Produkte.

Rentnerinnenalltag



Samstag. Spät aufgestanden, in olle Kleider gestiegen und auf zum Friedhof.

Eigentlich wollte ich vorher noch staubsaugen. Staubsaugen und auf dem Friedhof Steine verlegen - das waren die zwei wichtigsten weil unerquicklichsten und damit schwierigsten Ziele für dieses Wochenende. Ich hasse es aus vollster Seele zu staubsaugen. Weil man immerzu irgendwo hängen- oder steckenbleibt. Irgendwo gegen fährt. Oder irgendwas umreißt. Oder das Kabel nicht reicht. Oder der Beutel voll ist. All das macht es zu so einer wahnsinnig kraftvollen Metapher für meine Wahrnehmung des Lebens und seiner Widerstände an sich, dass ich erstaunliche Aggressionen entwickeln kann, sobald ich die Staubsaugmaschine nur anwerfe. Aber das ist ja nichts Neues - nichts ist hier jemals einfach.

Zumindest ist nun das Grab meiner Mutter mit Steinen umrandet. Offenbar ist das jetzt große Mode und gehört sich regelrecht so, weil es mittlerweile alle so machen. Und man muss nicht glauben, dass keiner darauf achtet, was sich auf Nachbarsgräbern tut. Da wird ganz genau beobachtet, ob einer überhaupt noch mit angemessener Mühe betrauert wird, also ob sich überhaupt noch jemand um das Grab kümmert. Andererseits soll natürlich auch Ordnung herrschen. Auch der Nachbar meiner Mutter hatte plötzlich ein zackig-eckiges Mäuerchen, bei dessen Anlage der Rasen zwischen den Gräbern mir nichts dir nichts abgestochen wurde, eine Senkung entstand und so nun bei Regen die Erde in Form von Matsch ohne Halt auf das Grab meiner Mutter floss.

Meine Mutter hatte ja immer eher eine für Friedhöfe untypische Bepflanzung. Keine Stiemütterchen im Frühling. Keine Tannenabdeckung und Gestecke im Winter. Weil ich weiß, dass sie mir ein solches Gesteck um die Ohren hauen würde, wenn sie könnte. Aber nun hat auch sie so eine ortsübliche Grundstücksbegrenzung. Damit klar ist, wo wer anfängt und aufhört.

Es hört nie auf - das mit den Nachbarn aus der Hölle.

Gentrification reversed**

Apropos.

Ich wohne in einer sogenannten "Villengegend". Wohlgemerkt: Ich selbst wohne in gelbem Klinker mit Flachdach aus den siebziger Jahren. Es hat aber natürlich ganz klare Vorteile, bei den reichen Leuten im Wald zu wohnen, weil es bei denen in der Regel ruhiger, grüner und großzügiger ist, als an anderen Orten. Und ich brauche ruhig, grün und großzügig, weil ich hochneurotisch und hypersensibel bin und eine sehr geringe Toleranzschwelle für alles habe, was anders als grün, ruhig und großzügig ist. Besonders in langfristiger Hinsicht. Das ist nun einmal einfach so.

Als ich jedoch heute auf dem Weg zum Friedhof und deswegen ohnehin schon angepisst war, kam ich mal wieder kaum aus meiner eigenen Straße raus. Die führt auf die Haupteinkaufsstraße, also die mit dem kleinen Supermarkt, dem Bäcker, dem Fleischer, dem Frisör, dem Tabakladen, den Ärzten und den zwei Apotheken. Dass sich in einem Ort dieser Größe zwei Apotheken halten, liegt vermutlich weitgehend daran, dass die hier lebenden reichen Leute in großer Zahl auch schon ziemlich alt sind. Die Straße mit den Geschäften versinkt jeden Morgen im Chaos, denn es gibt zu wenig Parkplätze für zu viele Menschen in großen Autos, von denen zwar fast alle denken, ihnen gehört die Welt, aber von denen bei Weitem nicht alle ihre Panzer so besonders sicher navigieren können.

Es ist ein täglicher Kampf, der aber vormals vorbei war, sobald man das Ende der Straße und damit wieder das Wohnviertel erreichte. Das ändert sich jetzt auf rapide und rabiate Weise. Denn wenn reiche alte Leute sterben, hinterlassen sie ihre großen Häuser und Gärten heutzutage Kindern, die es sich nicht mehr leisten können oder wollen, diese Häuser zu (er)halten. Aus Parks werden Parzellen. Und während sich die neuen Bewohner der zuhauf hingeklatschten Toskanavillen zwar noch immer einen Geländewagen, einen Mini und ein Wohnmobil leisten können, fehlt ihnen offenbar nicht selten das Geld für den Grund, der nötig wäre, um die Vehikel nicht allesamt auf der Straße abzustellen zu müssen. Das wiederum macht mein Leben zunehmend schwierig und ärgerlich. Es regt mich auf, Slalom fahren zu müssen. Es regt mich auf, minutenlang warten zu müssen, bis sich nun auch auf allen anderen Durchgangsstraßen im Dorf die Verkehrsknoten entwirren, die entstehen, wenn nicht mehr genug Lücken zum Ausweichen bleiben. Und Lücken lassen Menschen, die glauben, dass ihnen alles auf dem Planeten zusteht, ohnehin nicht gern. Es gibt in meiner Nachbarschaft mittlerweile sogar solche, denen es nicht zu peinlich ist, auf öffentlichem Gelände Schilder zu platzieren, die lauthals verkünden: "Land Rover Parking Only". Arme Schlucker. Wahrer Reichtum ist Platz. In meiner Gegend sind es heute die mit dem verhältnismäßig kleinen, alten, roten Haus mit der geschmackvollen, kleinen, weißen Veranda am Ende der 200 Meter langen Einfahrt, die es wirklich geschafft haben.

Was sagt uns das nun alles? 1. Ich bin ein Snob mit einer Garage. 2. Ich bin oft spät dran. 3. Ich ertrage es nicht, wenn mir andere im Weg herumstehen. 4. Ich ertrage es nicht, dass man noch so sorgfältig entscheiden und planen kann, wo man hinzieht, und die Realität einem dann doch die Straßen des eigenen Heimatortes verstopft. 5. Ich ertrage dieser Tage so gut wie gar nichts. 6. Menschen in guten Gegenden sind mitunter sehr viel unangenehmer als woanders. Wer das hautnah bewiesen haben will, dem sei ein Info-Abend der hiesigen FDP empfohlen (don't ask how I got there). Für weitere soziale Studien in die Psyche überprivilegierter Hausfrauen bietet sich der jährlich stattfindende Ladies' Night Flohmarkt in der örtlichen Kirchengemeinde an. Die dort zu bestaunenden raffigen Kämpfe um abgelegte Designer-Kleidung sind ein verräterisches Spektakel der ganz eigenen Art. 7. Ich bin wahrscheinlich sehr viel mehr so wie die, als ich wirklich weiß und zugeben würde.

Die Krönung

Im Schlosspark am Ort findet heute und morgen einer dieser Landmärkte statt, wo man seit Jahrzehnten Pflanzen, immer die gleiche rostig-rustikale Gartendekoration, mit Rosen bedruckte Gummistiefel, mit Krönchen benähte Kissenhüllen, sowie selbstgemachte Seife, Marmelade, und Obstliköre erwerben kann. Und ja, ich besitze oder besaß aus jeder Kategorie mindestens einen Gegenstand, denn als meine Mutter noch lebte, besuchte ich mit ihr jährlich im Schnitt mindestens 4 solcher Veranstaltungen, wobei da die Weihnachtsmärkte noch gar nicht mitgerechnet sind. Bei einigen Märkten war es mittlerweile "Tradition", bzw. ein Ritual, das die jeweilige Jahreszeit einläutete. Und ich kann auch nicht sagen, dass ich nicht Freude an der zu solchen Gelegenheiten gebotenen idyllischen Karikatur von Landleben gehabt hätte. Den letzten von einer Landfrau zusammengebrauten Schlehenlikör aus dem Bestand meiner Mutter habe ich übrigens erst im letzten Jahr an einen Fußfetischisten "verfüttert" - vorm Füßebeschnüffeln und beim Tarotkartenlegen.

Kurzum, eigentlich hatte ich vor, da heute hinzugehen. Aber keiner wollte/konnte mit. Auch meine 77jährige Nachbarin nicht. Die hat zwischenzeitlich einen ihrer Verehrer abgesägt, und zwar den, der nicht, wie sie, auch das Jagdhorn bläst. In den Verbliebenen ist sie nun so verknallt und darum so fröhlich und voll mit zwitschernden Geschichten über die gemeinsamen Unternehmungen, dass ich ihr ständig eine runterhauen könnte. Er muss auch ausgesprochen verschossen sein, denn obwohl er mehr auf James Last steht, begleitet er sie nun in jedes Kirchenkonzert und jede provinzielle Freilicht-Opernaufführung, die auf ihrer Wunschliste steht.

Bei mir läuft bekanntlich gar nichts, wobei das bei den beiden wohl in zumindest einer ganz bestimmten Abteilung auch so ist...jahaaa, das sind die Informationen, bei denen man die Finger gar nicht schnell genug in die Ohren rammen und laut "Lalalala!" schreien kann. Jetzt wo sie so begehrt ist, gibt sie mir übrigens gern Beziehungstipps und vermutet ganz fachfraulich, dass ich mit Männern zu streng und anspruchsvoll bin, und darum keinen abbekomme...glückliche Leute sind einfach die Pest.

Nicht zum Landmarkt zu gehen, war am Ende dann doch ok, denn jetzt kommt es doch endlich - das Gewitter. Mein kluges Telefon behauptet übrigens noch immer, bei mir seien es 27 Grad und sonnig. Neulich stand ich an der Tankstelle und habe nur mal so aus Quatsch im Navigationssystem nach der nächsten Tankstelle gesucht - woraufhin es mich 21 km in eine andere Stadt weiterdirigieren wollte...soviel...dazu.


*Ich weiß noch immer, was du letzte Woche gegessen hast.

**Die Umkehrung der Gentrifizierung

NH